Die Wappenwegwanderung

Der Wappenweg

 

Von Martin Pierick

 

  1. Mai 2013Regen. Westfälischer Landregen, schon seit mindestens 2 Stunden. Nicht peitschend oder böig aus aufgetürmten Wolkengebirgen, sondern von einem gleichmäßig grauen Himmel ohne Licht am Horizont. Alles trieft und tropft. Bäh!

Die nasse Laufsynthetik klebt auf meiner Haut, die Schuhe machen Geräusche, die sie in trockenem Zustand nicht machen und für die es noch kein Adjektiv gibt, soweit ich weiss. Ich sollte eines erfinden. So etwas wie ‚flitschig’. Laufschuhe sollten einen Abfluss haben, damit sie nicht bei jedem Schritt flitschen, denke ich bei mir.

So monoton der Regen fällt, so ruhig setze ich die Füße voreinander. Mistiges Wetter fördert einen gleichmäßigen Laufstil, oder: wer nicht über den nötigen Gleichmut verfügt, geht bei solchem Wetter gar nicht erst vor die Tür, schon gar nicht, um zu wandern oder zu joggen.

Der Gedanke, alles aufzuschreiben, was mich seit einigen Tagen bewegt und mich auch in den kommenden Wochen nicht loslassen wird, geistert durch mein Gemüt. Das Protokoll einer Schnapsidee – den Wappenweg an einem Tag erwandern.

Zahllose Pusteblumen stehen auf den Wiesen. Wenn es nicht so pladdern würde und etwas Wind aufkäme, wäre die Luft erfüllt von Wolken aus kleinen Fallschirmen. Sie trieben langsam in Richtung Obersee, so wie meine Gedanken treiben. Von den Weißdornbüschen und ihren muffig riechenden Blüten zu meiner Rechten hinüber zu den geduldig auf besseres Wetter harrenden Heckrindern auf der Weide zu meiner Linken und weiter zu dem Wasser in meinen Schuhen, den durchtränkten Socken und den gequollenen Zehenzwischenräumen. Scheiß Regen.

Mein Entschluss steht: ich werde versuchen, den Wappenweg an einem Tag zu gehen. 88,8 Kilometer! Ein Marathonlauf ist nicht einmal halb so lang. Der Leser stellt sich spätestens an dieser Stelle die Frage: warum um alles in der Welt kommt er auf diese Schnapsidee? 88.8 Kilometer an einem Tag! Ist er nun komplett übergeschnappt?

Nö, ist er nicht. Er wandert gerne. Und er liebt die Herausforderung. Er hat viele Male den Hermannslauf bezwungen, 31 Kilometer bergauf und bergab durch den Teutoburger Wald, und er hat 3 Marathonläufe absolviert. Nun hat er leider Herzrhythmusstörungen, erst mal ist Schluss mit Laufen. Wandern darf er, hat sein Arzt gesagt. Natürlich hat er dem Doc vorenthalten, an welche Strecke er sich heranwagen möchte, der liebe Doktor muss ja nicht alles wissen.

Lange Wanderungen sind mir durchaus vertraut. 70 km an einem Tag oder auch 135 km an 3 Tagen habe ich schon bewältigt und lassen mich ahnen, was in punkto Blut, Schweiß und Tränen auf mich zukommt. 88,8 km!

Nun bin ich ja nicht der erste Mensch, der versucht, den Wappenweg an einem Tag zu knacken. Im August 2012 unternahmen Katarina Zacharaki und Harald Haack den ersten Versuch, Pioniere sozusagen. Wie ich damals aus der Zeitung erfuhr, scheiterten sie nach über 19 Stunden und 80 Kilometern, waren erschöpft, hatten Blasen an den Füßen und kämpften gegen die Dunkelheit an. Ich las den Artikel noch mal im Internet. Hammer! So eine lange Strecke! Ich stellte es mir deprimierend vor, so kurz vor dem Ziel aufgeben zu müssen. Weiter las ich: Wegewart Christoph Schneyer vom Teutoburger-Wald-Verein meint: unmöglich, den Weg an einem Tag zu schaffen…. Soso, meint er das, dachte ich. Mein Herausforderungs-Gen fing an zu jucken. Es sollte doch möglich sein, dachte ich, bei guter Vorbereitung und etwas Glück….

Das war vor einigen Tagen. Seitdem reift in mir der Gedanke, es auch zu versuchen. Und noch ein Gedanke reift in mir: ich will es als erster schaffen. Ein gesundes Maß an Eitelkeit und Ehrgeiz hat noch keinem geschadet, rede ich mir ein. Klar: die sportliche Leistung wird nicht dadurch geschmälert, dass sie von anderen zuvor schon erbracht wurde. Aber Ruhm und Ehre gehören nun mal dem Erstbezwinger! Der Wappenweg soll meine persönliche Eiger-Nordwand werden.

Soweit bis heute. Während ich mich pitschnass über schlammige Wege heimwärts quäle, wo eine heiße Dusche mich sehnsüchtig erwartet, kommt mir noch ein Gedanke. Die ganze Sache bekäme mehr Sinn, wenn ich mich nicht nur für Ruhm und Ehre, sondern zusätzlich für einen guten Zweck quälen würde. Morgen werde ich Bine mal darauf ansprechen….

  1. Mai 2013

Bine sitzt mir gegenüber. Ich habe Glück, sie anzutreffen, ihr Urlaub steht bevor. Einer der vielen kleinen Zufälle, die den Lauf einer Geschichte unbemerkt, aber nachhaltig beeinflussen, fällt mir später ein. Was wäre, wenn….wenn ich sie nicht angetroffen hätte….wenn sie mein Vorhaben lächerlich fände….

Findet sie aber nicht. Im Gegenteil, sie ist begeistert von der Idee. Die besteht darin, die Wanderung mit einem Spendenaufruf für das Kinderzentrum e. V., dem sie als Leitung vorsteht, zu verbinden. Der Verein betreut Kinder, die in der Familie Gewalt erleben, und leidet permanent unter finanzieller Not.

Wir überlegen bei einer Tasse Kaffee, wie man größtmöglichen Nutzen für das Kinderzentrum erzielen kann. Ich möchte nicht 88 km mit einer Sammelbüchse in der Hand wandern, also ein Aufruf im Internet oder über E-Mails. Ein Sonderkonto? Nein, wir beschließen, das Konto des Fördervereins zu nutzen. Das erleichtert anscheinend das Ausstellen von Spendenquittungen. An was man alles denken muss.

  1. Mai 2013

Und dann die Mail, die alles unwiderruflich öffentlich macht. Nun gibt es kein Zurück mehr! Im Verteiler sind ca. 70 Freunde und Bekannte.

 

Eine verrückte Idee für einen guten Zweck…

Liebe Freunde, Verwandte, Doppelkopf-Besessene, Mitsänger, Nachbarn, Kollegen…

Am Sonntag, den 16. Juni werde ich versuchen, als erster(soweit mir bekannt) den Bielefelder Wappenweg an einem Tag zu erwandern. Keine leichte Übung, da es sich um eine Strecke von 88 km handelt. Bisher gab es einen knapp gescheiterten Versuch im August 2012, nun will ich es wagen.

Aus 2 Gründen wende ich mich an Euch:

– vielleicht hat der eine oder andere Zeit und Lust, mich ein Stück Weges zu begleiten. Der Wanderweg ist wirklich schön, und mir würde es die Zeit verkürzen und die Strapazen lindern.

– damit es an diesem Tag nicht nur um die sportliche Herausforderung geht, verknüpfe ich die Wanderung mit Spendenaufruf für das

Kinderzentrum e. V. in Bielefeld, einer Einrichtung zur Betreuung von Kindern, die Gewalt in der Familie erleben mussten.

Zum Ablauf: ich starte am Sonntag, den 16. Juni um 2:00(!Startzeit nachträglich geändert!) an der Kreuzung Wappenweg/Altenhagener Straße und folge der Strecke im Uhrzeigersinn um Bielefeld herum. Den Verlauf der Strecke findet Ihr im Internet oder auf aktuellen Wanderkarten. Falls mich jemand ein Stück des Weges begleiten möchte, wäre eine Kontaktaufnahme per Handy(017653523822) und Vereinbarung eines Treffpunktes und ungefähren Zeitpunktes möglich.

Zum Spendenaufruf: das Kinderzentrum e. V. leistet wichtige gesellschaftliche Arbeit unter schwierigen finanziellen Bedingungen. Unter www.kinderzentrum-ev.de findet Ihr weitere Informationen zur Einrichtung.

Da ich keine Lust verspüre, mit einer Sammelbüchse in der Hand 88 km zu wandern, macht es Sinn, wenn ich Euch nun die Spendenadresse nenne:     Förderverein des Kinderzentrums Bielefeld

               Hilfen bei häuslicher Gewalt

               BLZ: 48050161  Sparkasse Bielefeld

               KtNr: 67020768

               Stichwort: Wappenweg(nachträglich eingefügt) 

Für Resonanz jeglicher Art(Begeisterung, Mitleid, Kopfschütteln….) bin ich Euch dankbar. Fall sich jemand Sorgen um meine körperliche Gesundheit macht – ich habe Mechthild versprochen, im Zweifelsfalle die Wanderung abzubrechen und kein Risiko einzugehen.

Liebe Grüße an Euch alle!

Martin

P.S. Diese Nachricht dürft Ihr an gute Freunde weitergeben.

 

Huch, ein übler Schreibfehler. Herausvorderung mit V! Hoffentlich merkt’s keiner.

  1. Mai 2013

Die Resonanz auf meine Mail ist ja bisher eher verhalten. Immerhin: der eine oder andere zieht in Erwägung, mich auf der Wanderung zu begleiten. Einige Freunde bringen zum Ausdruck, dass sie die Idee toll finden, und wünschen mir viel Erfolg.

Insgesamt herrscht also wohlwollende Anteilnahme vor. Ich habe mit mehr Spott oder Kopfschütteln gerechnet. Na, wer weiß…hinter meinem Rücken? Ach, und wenn schon! Ich freue mich über jene, denen die Idee gefällt. Und vor allem darüber, dass Mechthild mich unterstützt. Sie hat auch die Idee, Depots anzulegen und mich etappenweise von Freunden begleiten zu lassen. Sie hört sich geduldig meine Ausführungen zu meinem Vorhaben an, macht aber kein Hehl daraus, dass sie die Idee für etwas verrückt hält. Und sie erwartet von mir, dass ich die Wanderung abbreche, wenn meine Gesundheit gefährdet wird. Das verspreche ich ihr.
Das Wetter der letzten Tagen ist echt das Allerletzte! Wenn es am 16. Juni so schifft…dann Prost Mahlzeit! Aber kneifen gilt nicht, außer ich werde krank, dafür wissen schon zu viele Leute Bescheid. Heute probiere ich, wie es sich anfühlt, in kompletter Regenkleidung einschließlich wasserdichter Wanderschuhe zu gehen und dabei einen 6 Kilo schweren Rucksack zu tragen. Bequem fühlt sich anders an! Die Körperwärme staut sich, alles klebt. Hoffen wir mal, dass die Sonne am 16. Juni scheinen wird. Am besten 22°C und Rückenwind.

Warum an diesem Tag, fragt sich der Leser. Die Antwort lautet: es ist ein Sonntag, somit ist die Chance groß, Begleiter zu finden, die an diesem Tag nicht arbeiten müssen. Und es ist ein Tag kurz vor der Sommersonnenwende, also mit vielen hellen Stunden gesegnet.

Meine Vorbereitungen und planerischen Gedankenspiele kreisen meistens um die Themen Verpflegung und Streckenverlauf. Der Supergau wäre, sich zu verlaufen, also werde ich mir unbekannte Streckenabschnitte zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden. Mit anderen Worten: fast den gesamten Wappenweg! Eine gute Bielefeld-Wanderkarte besitze ich schon. Ein Navi brauche ich nicht, das ist etwas für Weicheier. Wer wandert, sollte auch mit einer Karte umgehen können, finde ich. Außerdem ist der Weg markiert.

Die Verpflegung ist ein wichtiger Punkt bei der Planung einer derartigen Unternehmung. Die benötigte Nahrungs- und Flüssigkeitsmenge ist zu schwer, um sie während des ganzen Weges mit sich herum zu schleppen. Ich werde also Depots anlegen oder mir die Verpflegung bringen lassen müssen und nur eine kleine Menge bei mir tragen. Zu essen gibt’s viele Kalorien, ich denke so an Mettwurst mit Fenchel oder Knoblauch vom Siggi oder ein großes Stück Käse oder Kokosmakronen von Aldi.

Außerdem hoffe ich natürlich, dass mich meine zahlreichen Begleiter mit Getränken und Leckerlies versorgen. Bis zum großen Tag werde ich allerdings Maß halten, viele Vitamine konsumieren und, wenn möglich, mein Gewicht reduzieren. Jedes Kilo zählt! Vorweg sei verraten, dass ich auf das Anlegen von Depots verzichten kann.

Wie sonst auch kann ich heute während des Wanderns natürlich nicht auf’s Botanisieren verzichten. Warum sollte ich auch. Es ist ja mein liebste Hobby. Mein Weg führt mich an einem verwilderten Bestand männlicher Moschuserdbeeren vorbei. Warum ich MOSCHUSerdbeeren schreibe? Weil die so heißen! Es sind eben nicht die bekannten Walderdbeeren oder Gartenerdbeeren, sondern eine eigene Art – stattliche Pflanzen mit auffälligen hoch stehenden Blüten. Die große Besonderheit dieser einheimischen Art: sie ist zweihäusig getrenntgeschlechtlich, es gibt also rein männliche und rein weibliche Pflanzen. Natürlich bekommen nur letztere Früchte, wenn erstere in der Nähe wachsen. An dieser Stelle weise ich warnend darauf hin, dass mir solche literarisch-botanische Ausflüge immer mal wieder unterlaufen.

  1. Mai 2013

Wieder einmal Regen, seit mehreren Stunden, mit kurzen Unterbrechungen. Ohne Regenjacke und festes, aber leider auch schweres Schuhwerk geht’s an solchen Tagen nicht. Die Schwalben fliegen so tief, dass sie eigentlich wundgescheuerte Bäuche haben müssten….so wie meine Füße heute Abend? Mal seh’n…

Heute gehe ich bis hinter Heepen, steige in den Wappenweg ein und folge ihm nach Süden bis zum Fichte-Heim, um von dort über die Senne, den Teuto-Kamm und die Sieker Schweiz den Heimweg anzutreten.

Die Kilometer dehnen sich wie Kaugummi. Ich suche Ablenkung, indem ich singe, das Panorama genieße oder nach Tieren und Pflanzen ausschaue. Wenn man alleine wandert und keinen Radau macht, bekommt man mit etwas Glück so einiges geboten. Ein Reh, ein Turmfalke…nur die Weinbergschnecke auf dem Weg, die übersehe ich. Aber ich höre sie, als ich drauftrete.

Bei solch langen Märschen ist es wichtig, eine Balance zwischen Lethargie und Aufmerksamkeit zu finden, um einerseits die Strapazen besser zu ertragen und andererseits zum Beispiel den Weg nicht zu verlieren. Es wäre doch schade, wenn hinterher irgendein Klugscheißer ruft:“Gildet nicht!“, weil man versehentlich eine Abkürzung gewählt hat. Damit das nicht passiert, gewöhne ich mir an,  immer fein auf das Wappenzeichen an den Bäumen zu achten.

Heutige botanische Besonderheiten: rosa und dunkelrosa blühender Weißdorn, ein großer Bestand geflecktes Knabenkraut….immerhin.

Abendlicher Nachtrag: meine Füße fühlen sich etwas durchgekaut an.

  1. Mai 2013

Endlich Sonnenschein! Einzelne Quellwolken und angenehme Temperaturen, was will ich mehr! Nachdem ich vor einigen Tagen den Bielefelder Süden mit dem Rad erkundet habe, folge ich heute  dem nördlichen Bogen des Wappenweges von Kirchdornberg bis Brake, ebenfalls mit dem Rad. Und ich entdecke das traumhaft schöne hügelige Ravensberger Land, welches Peter-August Böckstiegel aus Arrode bei Werther zu vielen schönen Bildern inspiriert hat, mit seinen fruchtbaren Feldern und malerisch gelegenen Höfen, den hallengleichen Buchenwäldern, den zahlreichen Bächen und Teichen und einer ihm eigenen Landschaftsform, den Sieken. Diese sind von Menschen des Mittelalters geschaffene und geformte Trogtäler, oft von einem Bach durchflossen, die früher durch extensive Beweidung genutzt wurden. Sie stellen heute Refugien für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten dar.

Diese Art Landschaft ist sehr wohltuend für Auge und Geist. Sie bietet in rascher Folge neue Perspektiven und hat immer wieder Überraschungen parat. Auf baumfreien Hügelkuppen schenkt sie Blicke in die Ferne –  zum Teutoburger Wald im Westen, zum Wiehengebirge im Norden und zum Lippischen Bergland im Südosten.

Mein Wunsch: am 16. Juni möge das Wetter wie heute sein.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               31. Mai 2013                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Nochmal das Ravensberger Land, diesmal zu Fuß. Trotz des herrlichen Wanderwetters sind viele Wege noch schlammig, daher gehen Mechthild und ich in schweren Wanderschuhen. Die tragen allerdings dazu bei, dass wir langsamer sind, als erhofft. Am Ende steht die ernüchternde Erkenntnis, dass ich am Großen Tag schon um 2:00 starten muss. Der Respekt vor der Strecke ist wieder verdammt groß geworden.

  1. Juni 2013

Die Ernüchterung ist nicht geringer geworden, im Gegenteil! Seit 6 Tagen plagen mich Schmerzen im linken Schienbein. Es scheint dort einen Muskel zu geben, den ich bisher noch nie wahrgenommen habe. Das Gefühl beim Gehen ist vergleichbar mit dem eines kräftigen Trittes vor die Knochen. Da hilft das Zusammenbeissen der Zähne wenig, 88 km halte ich das nicht aus! Seit gestern therapiere ich mit Voltaren-Gel und hoffe, dass ich in 10 Tagen wieder fit bin.

Davon abgesehen, bin ich guten Mutes, dass ich die Strecke bewältigen werde, wenn die Begleitumstände günstig sind: optimale Witterung und vor allem gute körperliche Verfassung. Da ich auf das Wetter keinen Einfluss habe, bleibt mir nur, alles für meine Fitness zu tun, was möglich ist, und zu hoffen, dass mir nicht doch noch ein Zipperlein in die Quere kommt.

  1. Juni 2013

Heute wird Uta, eine befreundete Physiotherapeutin, mein Schienbein ´tapen`. Ich verlasse mich ganz auf ihre Erfahrungen.

In einer Woche ist es so weit, dann werde ich schon 6 Stunden unterwegs sein. So bewusst, wie ich es an diesem Tag erleben werde, habe ich wohl noch nie einen Tag erwachen sehen. Vom Anbeginn der frühesten Dämmerung über den Sonnenaufgang hinaus, vom allerersten Morgenrot über den einsetzenden Gesang der Vögel, bis endlich über dem Lipperland die Sonne aufgeht, stelle ich mir vor.

Hier sei ein kleiner astronomischer Exkurs erlaubt. Wer kennt nicht den kleinen netten Vers

Im Osten geht die Sonne auf,

im Süden nimmt sie ihren Lauf,

im Westen wird sie untergehn,

im Norden ist sie nie zu seh’n.

Das ist doch eine sehr unpräzise Beschreibung der himmelsmechanischen Vorgänge und allenfalls geeignet, kleinen Kindern die ungefähren Zusammenhänge nahe zu bringen. Streng genommen gilt das Gedicht nur auf der Nordhalbkugel der Erde, und das auch nur an 2 Tagen im Jahr, nämlich zum Frühlingsanfang und zum Herbstanfang.

Im Juni ist der Tagesbogen der Sonne, also ihre Bahn am Firmament, am längsten. Sie verschwindet nur für wenige Stunden unter dem Horizont. Das hat zur Folge, dass es aufgrund der Dämmerungen bei klarem Himmel nur eine kurze Phase echter Dunkelheit gibt. Das gilt aber nur für unseren Breitengrad. In Süddeutschland wird es mehrere Stunden lang dunkel, während an der Nordseeküste die ganze Nacht über Dämmerung herrscht. Dieser Umstand ist von nicht unerheblicher Bedeutung für das Gelingen meines Vorhabens.

Also: am 16. Juni wird die Sonne ganz früh, und zwar um 5:04, im Nordosten aufgehen!

  1. Juni 2013

Heute habe ich mich mit der Neuen Westfälischen Zeitung in Verbindung gesetzt, zunächst telefonisch, dann per Mail. Das Kinderzentrum kann von großer Öffentlichkeit nur profitieren.

Ich lote vorsichtig in mir aus, wie groß der Anteil der Ruhmessucht an meiner Motivation ist. Nicht unerheblich, das ist mir klar. Wenn ich es schaffe, werden es u. U. viele tausend Menschen erfahren. Wenn ich es nicht schaffe, allerdings auch. Der Druck, den die Veröffentlichung auf mich ausübt, erhöht die Leidensbereitschaft und das Durchhaltevermögen. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, nach einer so langen Distanz ans Ziel zu gelangen. Das es möglich ist, bezweifele ich nicht. Und die Dokumentation: das ist wirklich neu und aufregend für mich.

In den letzten Tagen treffen immer mehr gute Wünsche und virtuelle Daumendrücker per Mail bei mir ein. Bisher haben sich aber nur wenige als potentielle Begleitung angeboten. Das verschafft mir ein logistisches Problem, habe ich doch gehofft, auf diese Weise unterwegs mit Verpflegung und Getränken versorgt zu werden. Das bedeutet: Depots anlegen, und zwar so, dass niemand anderes sie findet, ich jedoch nicht in lethargischer Unterzuckerung daran vorbeilaufe.

Mein Schienbein bereitet mir Sorgen. Das Tape wirkt, der Schmerz hat schon deutlich nachgelassen, ist aber immer noch präsent. Was macht man in so einer Situation? Hoffen! Und Bewegungsübungen ohne Belastung, Massage…..keine Tabletten, kein Schmerzgel mehr. Ich bin mein schlechtester Kunde!

  1. Juni

Die ´Neue Westfälische` ruft an. Genauer genommen, Frau Ariane M., Redakteurin, nehme ich an. Oder sagt man Reporterin? Keine Ahnung, ich kenne mich im Zeitungswesen nicht aus. Wir vereinbaren einen Treffpunkt während des ´Langen Marsches` – 11:30 dort, wo ich gerade bin. Eine derartige Vereinbarung ist erst möglich, seitdem es Handys gibt. Mein Gott, was habe ich die Dinger früher verteufelt. Aber alles hat seine 2 Seiten.

Es gibt die ersten Wetterprognosen für Sonntag. Vielversprechend! Und: mehrere Begleitungen stehen schon so gut wie fest. Ich brauche keine Depots anzulegen.               Die folgenden Tage schleichen dahin und lassen meine Anspannung ansteigen. Die Schmerzen im Bein wollen nicht verschwinden, Sabine, eine befreundete Heilpraktikerin, empfiehlt Arnica D12, 5 Kügelchen halbstündlich! Ich sage mir, ok, schadet nicht, reicht ja, wenn sie daran glaubt.

  1. Juni 2013

Wir sind bei Almut, unserer Nachbarin, zum Geburtstagsbrunch eingeladen. Das wirklich schöne am Wandern – im Gegensatz zum Laufen – ist: man kann es auch mit vollgestopftem Bauch. Essen konnte ich schon immer gut. Ich bin nicht dick, ich bin aber auch kein dürrer Hering. Reserven müssen sein. Und: gut essen hält Leib und Seele zusammen. Und außerdem: die wirklich guten Sachen sind alle leicht verderblich und müssen daher schnell verwertet werden. Die leckeren Häppchen, der Spaß und das Gelächter in nachbarschaftlicher Runde, das Tape und natürlich Arnica D12 – sie alle haben ihren Anteil daran, dass ich mich am Abend entspannt in’s Bett legen und ruhig schlafen kann.

  1. Juni 2013

Ganz früh morgens

1 Uhr morgens. Das Geräusch des Weckers durchbricht die Mauern der Nacht und dringt in mein Bewusstsein vor. Ich bin schlagartig wach und setze mich auf. Als hätte ich es einstudiert, weiß ich genau, was nun alles folgt, was zu tun ist, alles liegt bereit. Im nachhinein überrascht mich das, weil ich mich eher für etwas chaotisch halte.

Wie gesagt, alles liegt bereit. Radlerhose als Unterhose, kurze Laufhose drüber, langärmliges Laufshirt, dünne Laufjacke, Halstuch, Laufsocken – halt, zuerst die neuralgischen Punkte an den Füßen abkleben, also die Fersen und die kleinen Zehen und noch eine wunde Stelle links..soo, fertig. Kaffee, kleines Frühstück, auf’s Klo, Zähne putzen, Mechthild wecken.

Während sie sich ankleidet, checke ich meinen Rucksack, den ich am Abend zuvor schon gepackt habe, und die kleinen Taschen am Gürtel. Wirklich alles dabei? Handy, Kamera, Notizbuch, 2 Kugelschreiberminen, Taschenlampe…alles da…4 Flaschen Apfel-Holunderblüten-Schorle, klein geschnittene Mettwurst, Kokosmakronen von Aldi…alles da…Regen-Cape…bleibt zu hause, kein Regen angesagt. Alles klar! Mechthild, die Gute, ist bereit, ich bin’s auch. Schuhe an, Doppelschleife, Wanderstock, los geht’s!

Der lange Marsch

1:45, tiefe Dunkelheit. Wir fahren zur Altenhagener Straße bei Heepen, hier kreuzt sie den Wappenweg. Ich schaue auf’s Außenthermometer des Wagens. 14°, genial, denke ich bei mir. Es ist windstill und sternklar. Mechthild und ich sind uns einig, dass es nicht besser sein könnte.

Mit der Kreide markiere ich den Startpunkt, einen Stab, an dem das Wappenzeichen befestigt ist. MP 1:55 – viele Male werde ich in den kommenden Stunden mein Zeichen und die Uhrzeit hinterlassen. Auf dem Asphalt, an Bäumen und was sich sonst noch anbietet.

Mechthild und ich verabschieden uns, sie wünscht mir Glück und Durchhaltevermögen. Ich schaue ihr noch nach, als sie in’s Auto steigt und heimwärts fährt, den wohlverdienten Schlaf nachzuholen. Ich wende mich um und setze mich in Bewegung. Hinter mir, im Nordosten, ist nur ein Hauch von blassem Morgengrauen zu erahnen, vor mir herrscht noch tiefe Finsternis. Zum Glück kenne ich diesen Teil des Weges wie meine Westentasche.

Es ist spannend, bekannte Wege zum ersten mal im Dunkeln zu erwandern. Die optische Wahrnehmung ist diffus und reicht nur wenige Meter weit, Kurven und Wegkreuze erscheinen überraschend, schwarze Silhouetten entpuppen sich nur zurückhaltend als vertraute Hecken und Bäume, und Pfützen bemerkt man erst, wenn man den Fuß hinein gesetzt hat. In der ersten Stunde ändern sich die Lichtverhältnisse nur wenig, obwohl sich das Morgengrauen hinter mir ausbreitet. Die anderen Sinne sind desto aufmerksamer. Ich kann das Getreidefeld am Wegesrand riechen und die Brennnesseln, und registriere jedes Rascheln im Gras.

Während ich gehe, fühle ich ängstlich in mein linkes Schienbein hinein. Die Entzündung oder was immer das ist, machte sich ja gestern noch subtil bemerkbar, ehrlich gesagt. Im Moment allerdings….toi, toi, toi…fühlt es sich gut an!

2:30 – ich folge dem Waldweg zur Unterquerung der A2. Glühwürmchen! 6 oder 7 sind es, die beiderseits des Weges ihre Laternen entzündet haben. Ich bin etwas verblüfft, war ich doch bisher der Meinung, sie würden nur in den Abendstunden leuchten, und freue mich zugleich darüber, dass der Marsch so vielversprechend beginnt. Ich komme gut voran, mein Wanderstock schmiegt sich in meine Hand. Den Griff habe ich aus einem Oberschenkelknochen gefertigt, den ich vor Jahren im Schwarzwald auf einem Feld fand, vermutlich von einem Schwein stammend.

Ich lasse das Gut Eckendorf hinter mir und die alte Wassermühle, fein renoviert und bewohnt. Ganz still ist es hier. Ich stelle mir vor, dass die Bewohner meine Schritte hören, aufschrecken, an einen Einbrecher denken. Morgens um 3:00 kommt hier in der Einsamkeit nie ein Mensch vorbei, vermute ich. Doch kein Fenster erhellt sich, kein Hund schlägt an. Alles ist still. Vor mir liegen nun große Felder. Sie erlauben einen weiten Blick über Bielefeld hinweg mit seinen Lichtern bis zum Fernsehturm. Die Stadt schläft noch und ist doch hell erleuchtet.

Eine viertel Stunde später glimmt es nochmals auf, und zwar im Mundwinkel eines einsamen Radfahrers, der an seiner Zigarette zieht und mir inmitten der Pampa zwischen Brönninghausen und Ubbedissen bei den Windrädern entgegen kommt. „’n Morgen“, begrüße ich ihn etwas überrascht, „’n Morgen“ entgegnet er mir, bevor er wieder in die Nacht verschwindet.

Das Morgengrauen gewinnt mehr und mehr Macht, während die Sterne langsam verblassen. Um 3:30 erklingt der allererste einsame Gesang eines Vogels und mischt sich mit Musikfetzen, welche von einer in den letzten Zügen liegenden Party herüber wehen. Um 4:00 schließen sich zahlreiche Amseln an. Mittlerweile habe ich die Rollkrugsiedlung erreicht. Jenseits der Detmolder Straße steigt der Weg gemächlich an, vor mir liegen die Höhen des Teutoburger Waldes. Ich blicke noch einmal zurück und lasse meinen Blick nach Osten wandern, wo die Morgenröte mittlerweile, nur von wenigen Wolken und Dunstschleiern getrübt, den weiten Horizont hinter dem Lipperland erobert hat.

Schade, denke ich, den Sonnenaufgang werde ich wegen der nun vor mir liegenden Bergwälder nicht zu sehen bekommen. Egal. Ich wende mich wieder um und steige stetig bergan. Trampelnde Hufe im Dickicht, ganz nahe! Zwei Rehe, vor mir aufgeschreckt, vermute ich. Verblüffend, wie dunkel es zwischen den Bäumen noch ist! Aber der Weg ist nicht zu verfehlen, der über mir erhellende Himmel weist ihn mir. Immer gerade aus, an der Orchideenwiese vorbei. Hier blühen gerade zahlreiche Exemplare der Gattung Listera – nicht sehr spektakulär, aber immerhin. Ich habe sie während einer Wanderung zusammen mit Mechthild zwei Wochen zuvor entdeckt und nutze die Gelegenheit für ein Foto, nachdem ich mit einiger Mühe in der Dunkelheit eine der zarten Pflanzen aufgespürt habe.

Auf dem ersten Kamm öffnet sich der Wald, und vor mir liegt ein reizendes Panorama, ähnlich einer Parklandschaft. Es ist gekrönt vom angestrahlten Kirchturm von Oerlinghausen. Was für eine Energieverschwendung, denke ich. Wer schaut sich schon morgens um 4:30 Kirchtürme an!

Wenige Schritte weiter passiere ich das eindrucksvolle Gut Menkhausen mit seiner Sandstein-Fachwerk-Architektur und dem wunderschönen Garten. Alles ist still und schläft. An dieser Stelle – passend, bevor es hell wird – möchte ich noch ein paar Worte zum Thema ‚Wandern in der Dunkelheit’ verlieren. Viele Menschen, vor allem Frauen, denen ich von den Umständen meiner Wanderung erzähle, fragen, bevor ich überhaupt richtig begonnen habe, ob ich mich denn nachts alleine im Wald nicht fürchte. Frage ich dann, wovor ich mich denn fürchten solle, fällt die Antwort zumeist ausweichend aus, bis schließlich herauskommt, dass allgemein eine große Furcht vor Übergriffen durch Männer besteht. Ich bin der Meinung, dass diese Furcht nachts in einer Stadt wie Bielefeld weitaus begründeter ist als in der Einsamkeit zwischen Brönninghausen und Ubbedissen, wo wirklich, wie man so schön sagt, der Hund verfroren ist. Man(n und Frau) sollte sich dieses einmalige Erlebnis wirklich nicht entgehen lassen. Eine nächtliche Wanderung ist ja auch in Gruppen möglich.

Jenseits der Lämershagener Straße beginnt die ‚Wildnis’. Das wunderschöne Schopketal mäandert durch die steilen Hänge des Teutoburger Waldes, um sich plötzlich in die weiten Kieferwälder der Sennelandschaft zu öffnen. Über mir wird der Himmel immer heller, während die Bergflanken noch düster drücken. Die Nase registriert: Nadelwald, Heide. Der Waldweg ist weicher und scheint zu federn. Sand, Heidekraut, Blaubeeren, Spinnweben im Gesicht….

Der Bolzplatz des nahen Fichte-Heimes, auf dem ein einsames Kaninchen hockt und mich argwöhnisch beäugt, bevor es im Unterholz verschwindet, ist der am schlechtesten markierte Teil des Weges, finde ich. Ohne Ortskenntnis und vor allem bei schlechter Sicht oder auch schlechtem Sehvermögen ist man hier als Wahrsager klar im Vorteil und findet den weiteren Weg jenseits der Sandfläche.

Der Bielefelder Süden schließt sich an. Hier wechseln sich Kiefernwälder und sandige Felder ab, durchsetzt mit Siedlungen und z. T. dichter Bebauung. Dalbke, wo ich um 6:00 auf einer Bank sitzend die erste Pause mache und frühstücke, klein geschnittene Mettwurst mit Knoblauch und Fenchel, lecker! Ich pfeife auf auf den Synthetikscheiß aus der Dose, da pflege ich meine ausgeprägten Vorurteile, ich brauche weder Orthomol noch irgendwelche Power-Energy-Produkte. Darf ich so etwas als Apotheker überhaupt denken, frage ich mich grinsend. Ein Schluck aus der Flasche. Wasser-Apfelsaft-Holunderblüten-Schorle, selber gemischt, weiter geht’s.

Eckardtsheim, wo mir ungute Erinnerungen an meinen früheren Arbeitgeber, die von-Bodelschwingh’schen Anstalten, kommen. Outgesourced nach 20 Jahren Betriebszugehörigkeit – christliche Einrichtung, haha…! 8:00 – das Handy klingelt zum ersten mal. Als ich es aus der Tasche gepellt habe, ist bereits die Mailbox am labern. Mechthild hat versucht, mich zu erreichen, jetzt dreht sie eine Joggingrunde. 8:40 erreiche ich sie beim Frühstück. Sie ist ganz verdattert, als ich ihr erzähle, ich sei schon in Eckardtsheim.

Windflöte, eine Wohnbebauung ohne erkennbaren Flair. Der Bielefelder Süden ist weithin bekannt für seine zweckmäßige Anlage und architektonisch-städtebauliche Einfallslosigkeit. Nach dem Krieg aus dem Boden gestampft, inmitten ausgedehnter Heiden und Kiefernwälder, Wohnbock neben Wohnblock, allerliebst.

Nun bin ich schon seit 7 Stunden unterwegs, meine Stimmung ist genauso gut wie das Wetter, und ich hege keinen Zweifel, dass ich das Ziel erreichen werde. Mich stört es auch noch nicht, alleine unterwegs zu sein, weil ich meine Umwelt und mich selber ohne Ablenkung ganz bewusst und intensiv wahrnehmen kann. Ich sehe Blumen am Wegesrand, Rehe auf den Wiesen und Käfer im Gras. Ich fotografiere, wenn mich ein Motiv anlacht, ich singe gelegentlich im Takt meiner Schritte, immer begleitet vom tipptipp meines Wanderstockes.
11:00 – die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel, sie brennt aber nicht auf mich hernieder. Es mögen 20°C sein, ich habe ein unglaubliches Glück mit dem Wetter. Und mit allem anderen auch. Die ziemlich neuen Laufschuhe passen wie angegossen, und meine Schienbeinentzündung glänzt durch vornehme Zurückhaltung. Ich versuche weiterhin, wie von Sabine, der Heilpraktikerin,  empfohlen, halbstündlich 5 Kügelchen Arnika D6 zu schlucken. Manchmal sind’s auch 6, oder auch 4, wenn mir eines von der Handfläche kullert. Ich bin da nicht so pingelig. Der Vorgang selber wird mir zum Taktgeber. Was, schon wieder eine halbe Stunde um? Arnica einwerfen! Kann nicht schaden, und was für’s Schienbein gut ist, hilft auch den Füßen, den Knien und den Hüftgelenken. Denke ich mir.

Ummeln schließt sich an. Einsam ist es hier, eine weite ebene Parklandschaft auf magerem Boden, nacktem Sand fast. Immer wieder fällt mein Blick auf den nahen Teutoburger Wald und den Fernsehturm. Vom benachbarten Aussichtsturm aus schweift der Blick bei klarem Himmel weit über das halbe Münsterland, bis zum Sauerland und zum Paderborner Land.

Ich überquere den Reiherbach und die Lutter, 2 glasklare Bäche mit sandigem Grund, wunderschön und naturbelassen in die Wiesenlandschaft eingebettet. Ein Erdbeerfeld lasse ich hinter mir, bevölkert mit zahlreichen Pflückern, die anscheinend ausnahmslos mit ihren Autos hergekommen sind, denn alle Wege um das Feld herum sind zugeparkt. Warum bewegt man eine Tonne Stahl für ein Schälchen Erdbeeren, frage ich mich, haben die kein Fahrrad?

Bald darauf nähere ich mich der Justizvollzugsanstalt, der mit Abstand größten Wohnanlage an diesem Wegabschnitt, wenn auch nicht der beliebtesten, vor allem bei ihren Bewohnern. Hier treffe ich mich mit der Redakteurin und dem Fotografen von der Neuen Westfälischen.
Mein Sohn Stefan ist mir von Quelle kommend entgegen gewandert und stößt zu uns. Gemeinsam werden wir interviewt und in Wander- und Pausenpose fotografiert. Das Interesse der Presse erklärt sich sicherlich auch aus dem knapp gescheiterten Versuch des Vorjahres, den Wappenweg zu bewältigen. So bietet sich eine Fortsetzungsstory mit Höhepunkt an, allemal spannender als der Titel ‚Wappenweg schon wieder geknackt!’. Ich muss schmunzeln, als die Redakteurin mich besorgt fragt, ob ich das Westfalenblatt auch informiert habe! Habe ich nicht. Mein Gott, denke ich, wer liest schon 2 Zeitungen aus einer Stadt! Obwohl – wäre keine schlechte Idee gewesen…und Radio Bielefeld…und den WDR…

Spannend, so ein Interview. Viele kluge Fragen, und dann die Fotos. Der Linsenmann ist anspruchsvoll und er versteht sein Metier, lässt Stefan und mich mal gemeinsam, mal einzeln posieren. Wandernd, essend, lächeln, bitte…sehr schön…jetzt noch einmal 50 Meter zurück, wegen der Lichtreflektionen unter den Bäumen…super…!

Wie gesagt: sehr spannend. So sehr, dass ich gar nicht bemerke, dass das Intermezzo eine halbe Stunde dauert. Mist, denke ich anschließend, die hätten auch neben uns her gehen können. Egal, weiter. Ich ahne noch nicht, wie sehr mir diese halbe Stunde später fehlen wird.

Stefan ist guter Dinge und nicht zu bremsen. Meistens geht er vor mir, gelegentlich neben mir, nie hinter mir. Getränke hat er mitgebracht, und trocken-klebriges Zimtgebäck von Ikea, dem später noch eine nicht unerhebliche Bedeutung zukommen wird.

Der Weg wendet sich nordwärts wieder dem Teutoburger Wald zu, durch Quelle hindurch, am Campingplatz vorbei zur B 68. Auch hier, lieber Teutoburger-Wald-Verein, lässt die Beschilderung etwas zu wünschen übrig. Nun, ich bin ortskundig und finde den Übergang über die Bundesstraße auch ohne das Wappenzeichen. Und wir werden auch gefunden. Inken und Kay, Mila und Bennet stoßen zu uns. Die Kinder sind erst 9 und 6 Jahre alt und müssen zuvor etwas überredet werden, jetzt scheinen sie aber Spaß zu haben. Bennet überreicht mir eine Mohnblüte, die ich an meiner Jacke befestige, leuchtend rot, aber schon etwas erschlaffend. Sie wird im Laufe der folgenden Stunden stetig welken und damit ziemlich exakt meine körperliche Verfassung widerspiegeln, kommt mir später in den Sinn. Mila bespricht in der Schule gerade das Thema ‚Zeitung’, da kann sie am nächsten Tag live berichten!

Wir erklimmen nach und nach den Kamm des Teutoburger Waldes, durch hohe Buchenwälder,  über gewundene Wege, den Krümmungen des Berges folgend und stetig ansteigend, bis uns der Weg zu ‚Peter auf’m Berge’ führt, einer lokal bekannten Gaststätte neben der Passstraße.

Einige Gäste sitzen an den Tischen vor dem Lokal und blicken gelangweilt hinter uns her, keiner ahnt, dass sie gerade Zeuge eines historischen Momentes werden, der Erstbewältigung des Wappenweges, jawohl!

Auf dem nahen Parkplatz verlassen uns Inken und die Kinder, während Stefan, Kay und ich eine kleine Pause einlegen. Essen, trinken, weiter geht’s.

Windig und frisch ist es hier oben, und die Sonne hat auch etwas an Kraft verloren. Ich spüre mittlerweile die Kilometer in meinen Knochen, aber Stefan und Kay ziehen mich voran. Der Weg auf dem Kamm ist abwechslungsreich, er verläuft auf und ab durch Buchenwälder, aber auch über Hochheiden, sogar eine Wacholderheide öffnet sich zu unserer Linken. Hierher stammen sie also, die Wacholderbeeren, welche früher den berühmten Schnäpsen aus dem nahen Steinhagen ihr feines Aroma gaben.

An der Schwedenschanze öffnet sich der Wald zur Rechten und gibt den Blick auf das ferne Wiehengebirge frei, zu Füßen des Berges erblicken wir Kirchdornberg, ein sehr idyllisch gelegenes Dorf, beherrscht von St. Peter, der ältesten Kirche Bielefelds. Der Turm stammt aus dem 11. Jahrhundert. Der Ort ist unser nächstes Ziel. Weiter geht’s auf dem Kamm. Schließlich, als wir schon befürchten, die Abzweigung übersehen zu haben, wendet sich der Weg nach rechts in Richtung Osten. Zügig geht es hinunter in’s Dorf, für uns die Pforte in’s Ravensberger Land.

Es ist Sonntag Nachmittag, Kaffeezeit, die Straßen sind verwaist. Hartmut, mein Nachbar, schließt sich uns an, während Kay sich von uns verabschiedet. Inken und die Kinder holen ihn ab, als wir Kirchdornberg hinter uns lassen. Eine letzte Gelegenheit, ein paar Gruppenfotos zu schießen, und weiter geht’s!

Nachdem wir die Werther Straße überquert haben, nimmt uns die Schönheit des Ravensberger Landes gefangen. Obwohl ich diesen Teil des Weges schon kenne, ist es doch so, dass sich hinter jedem Wäldchen und nach jeder Kurve neue Ansichten und Eindrücke eröffnen – eine hügelige und vielfältige Kulturlandschaft. Hartmut ist von ihr besonders angetan, da er ganz in der Nähe aufgewachsen ist, sie aber noch nie aus dieser Perspektive gesehen hat. Die Vielfalt der Wahrnehmung und die Gesellschaft lenken mich von meiner zunehmenden Erschöpfung ab. 60 km liegen hinter mir, fast ein drittel des Weges liegt noch vor mir. Es mag mittlerweile 17:00 sein, ich weiß es nicht. Ich mache keine Notizen mehr, auch den Fotoapparat nehme ich kaum noch in die Hand. Erste Anzeichen von Lethargie bemächtigen sich meiner.

Irgendwo vor Jöllenbeck verabschiedet sich Hartmut von uns und lässt sich von seinem Sohn abholen. Stefan und ich sind nun wieder alleine. Ich muss ihn gelegentlich bremsen, da er sonst unentwegt vor mir her läuft. Ich brauche Ablenkung und Motivation, in mein Bewusstsein mogelt sich mehr und mehr das Wissen um die Länge des noch vor mir liegenden Weges. Erste Zweifel machen sich in mir breit…diese großen Umwege nördlich von Jöllenbeck vorbei an den Affhüpper Höfen, Lenzinghausen, schließlich auf den Planetenweg. Ich raffe mich noch einmal auf und stapfe hinter Stefan her.

Während der nächsten Kilometer geht zu allem Überfluss der Akku meines Handys zur Neige. Noch geht’s, ich traue mich aber nicht mehr, es ohne Not zu benutzen. An’s Aufgeben denke ich noch nicht, ich rede mir ein, bis Brake…bis Brake musst du es schaffen, dann schaffst du auch den Rest.  Scheiße, denke ich, so verdammt weit noch bis dahin. Geschätzte 15 km bis zum Ziel, eigentlich ein Klacks – außer, man hat schon über 70 km hinter sich gebracht. Meine Beine schmerzen von der Hüfte an abwärts, vor allem die Ballen fühlen sich an wie gewalkt. Kay hat ausgerechnet, dass ich auf 100.000 Schritte komme. Mal seh´n: Schrittlänge 90 cm, Tendenz abnehmend….also 1000 Schritte auf 900 Metern…multipliziert mit 100 macht 90 km…passt: 100.000 Schritte. Oder mehr! Meine Handflächen werden langsam wund vom Führen des Wanderstockes. Zum Glück: bisher keine Blasen, keine Rückenschmerzen, nichts, was den Erfolg meiner Unternehmung ernsthaft gefährden könnte, solange ich den Mut nicht verliere.

Früher Abend…Uhrzeit? Keine Ahnung, es muss schon nach 20:00 sein. Schleppe mich, von Jöllenbeck kommend, in Richtung Golfplatz Pödinghausen, Stefan wieder einmal 20 Meter vor mir. Nicht zu bremsen, soll er doch! Meine Motivation ist wie wie meine Reserven aufgezehrt. Und da steht er, obwohl doch angekündigt, eine Überraschung und Lichterscheinung: der Frauenchor am Straßenrand! Wie in dem Lied von Peter Fox! Und besingt den Wandersmann. Doris, Bine und Sabine haben es sich nicht nehmen lassen, uns im rechten Moment ihre Unterstützung zuteil werden zu lassen. Und wie gut sie diesen Moment erwischt haben! Ich bin kurz davor, aufzugeben, als sich Unwohlsein und Frieren zu den Schmerzen gesellen. Das ist der Moment, vor dem ich mich die ganze Zeit gefürchtet habe. Mir wird klar, dass ich in den letzten Stunden zu wenig gegessen und getrunken habe und mit leerem Tank laufe. Den Rucksack randvoll mit Kalorien, aber keine Zeit, sie zu mir zu nehmen. Wie überaus dämlich von mir! Ich sitze auf einer Bank und denke, das war’s, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Aber die drei – ich erlaube mir an dieser Stelle, sie Engel zu nennen – also, die drei Engel überzeugen mich davon, dass ich einfach nur meine Reserven ausgeschöpft habe und ich nur tüchtig zu essen brauche, und dann sei alles wieder gut!

Tage später werden sie mir gestehen, daß sie in diesem Moment doch sehr daran gezweifelt haben, daß ich bis zum Ziel durchhalten werde. Meine Erschöpfung ist wohl offensichtlich.
Und was macht die kluge Frau mit einem erschöpften Mann? Gut zureden und füttern –

Mineralwasser, Pfirsiche, Schokolade…..widerwillig stopfe ich in mich hinein, was geht. Und fülle meine Taschen mit klebrig-trockenem schwedischem Zimtgebäck von Ikea, auf dem ich in der folgenden halben Stunde herumkaue. Sabine massiert Waden und Oberschenkel. Wir sind uns darin einig, dass ich Socken und Schuhe besser anbehalte. Nach 75 km……!

Schließlich komme ich wieder auf die Beine, die ersten Schritte fallen unbeschreiblich schwer. Die drei Engel beschwören mich, dass ich es schaffen werde, bis sie schließlich den Funken der Hoffnung in mir wieder entfacht haben.
Kauend  und zaghaft setzt ich mich in Bewegung und versuche, möglichst wenig an meine glühenden Fußballen zu denken. Schließlich komme ich wieder in Tritt, kaum zu glauben! Der Golfplatz liegt bald hinter mir. Kurz bevor ich in den Hasenpatt einbiege, überholt mich ein vollbesetzter PKW, Doris winkt aus dem Fenster. Stefan fährt mit den Frauen nach Bielefeld zurück,  er hat mich fast 40 km weit begleitet.

Und schon taucht der Hasenpatt hinunter in die tiefen Sieke. Ich bin verblüfft und erschrocken, wie dunkel es dort schon ist! Klar, denke ich, die hohen Buchen, der bedeckte Himmel, die fortgeschrittene Stunde, das hat mir noch gefehlt…. Hier und jetzt fehlt sie mir, die halbe Stunde vom Interview. Bloß schnell raus hier, denke ich, und lege einen Zahn zu. Doch der Hasenpatt ist lang, das könnte knapp werden….

Ich befinde mich auf einem der schönsten Abschnitte des Wappenweges. Tiefe sich windende Sieke, von Erlenbrüchen und Buchenwäldern beschattet und Bächen durchflossen, vorbei an Fischteichen, und immer wieder auf die umliegenden bewirtschafteten Hochflächen aufsteigend. All diese Schönheiten kann ich im Moment nur begrenzt würdigen, die Zeit sitzt mir im Nacken, denn jedes mal, wenn ich in ein Siek abtauche, kommt es mir finsterer vor als das vorherige. Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig, als gelegentlich eine kleine Taschenlampe zu entzünden, um so die Zeichen an den Bäumen und die Abzweigungen besser zu erkennen.

Wie riesengroß ist meine Erleichterung, als ich einem Siek entsteige und durch die Bäume hindurch Wohnbebauung erkenne! Brake! Einen Moment lang sind alle Leiden vergessen. Nichts wird mich jetzt noch auf dem Weg zum Ziel aufhalten, ein Gefühl des Triumphes flackert kurz in mir auf.

Auf der dortigen  Bleichstraße begegnet mir eine freundliche Frau mit Hund. Wir grüßen uns und unterhalten uns über das Wandern, den Wappenweg und mein Projekt. Sie erinnert sich daran, dass sie im August letzten Jahres auch Zeugin des ersten Versuches, den Wappenweg zu knacken, wurde. Sie ist mächtig beeindruckt und wünscht mir viel Erfolg und gutes Gelingen, bevor wir uns verabschieden.

So, jetzt nur noch durch Brake hindurch, denke ich. Doch die Bebauung entpuppt sich als abgelegener Vorort, abermals taucht der Weg hinab in ein tiefes Siek. 2 km windet er sich durch die Finsternis, wie gut, dass ich die Taschenlampe mitgenommen habe! Jetzt durchhalten, Zähne zusammen, wenn es weh tut, und weitergehen. Ein rein psychologisches Problem, kein körperliches. Schritt für Schritt vorwärts, die Aufmerksamkeit ist auf den kaum zu erkennenden Weg gerichtet und nicht auf die schmerzenden Füße. In der Dunkelheit verliere ich das Gefühl für die Länge der zurück gelegten Strecke, dieses Siek scheint nicht enden zu wollen! Endlich wandelt sich die Aue in eine Parklandschaft, mehr und mehr durch Laternen erhellt. Mitten in Brake endet sie, und die Zivilisation hat mich wieder.

Ortszentrum Brake, am Bahnhof vorbei, in Richtung Grafenheider Straße. Hier kenne ich mich wieder aus. Mechthild und ich haben einige Zeit zuvor per Handy vereinbart, dass sie mir mit dem Fahrrad entgegen kommt. Jeden Moment rechne ich mit ihr. Ich überquere die Herforder Straße und folge dem Weg in Richtung Milser Mühle. Ein Autofahrer blendet mich mit seinem Fernlicht. Arschloch! Ich blende zurück, mit meiner Taschenlampe. Meine Schritte werden langsamer und kürzer, der Druck ist weg, weil ich mich hier zu gut auskenne! Von wandern kann jetzt keine Rede mehr sein, ich schleppe mich eher dem Ziel entgegen, von dem ich weiß, dass es noch vier Kilometer entfernt ist.

Drei Minuten später, auf der Mehlstraße, kommt mir ein einsames Licht entgegen. Ein Radfahrer! Eine Radfahrerin! Mechthild! Sie erkennt mich von weitem an der blinkenden Taschenlampe an meinem Wanderstock. Wir begrüßen uns freudig, aber ich bitte sie, sogleich mit mir weiter zu gehen, weil ich es endlich hinter mich bringen möchte und das Stillstehen als quählend empfinde.

Dreieinhalb Kilometer noch! Ich lege meinen Rucksack in das Fahrradkörbchen. Gilt trotzdem, sage ich mir, gewandert ist gewandert. Nun gäbe es tatsächlich die Möglichkeit, ein wenig abzukürzen, aber ich reiße mich zusammen, so groß die Verlockung auch ist. Am nächsten Tag würde ich es bereuen. Außerdem würde Mechthild es nicht zulassen! Also immer schön die Füße voreinander, ganz kurz sind meine Schritte mittlerweile. Die Ballen fühlen sich an wie gekocht, ich bin komplett ausgepowert, und an den Pobacken habe ich mir einen ‚Wolf gelaufen’. Ich fange ein wenig an zu jammern, aber immerhin kann ich mich noch freuen, als wir am Altenhagener Friedhof eine Nachtigall hören. Wir lauschen ihrem Gesang, während wir langsam weitergehen. Noch ein Kilometer liegt vor mir. Wie Kaugummi zieht sich das letzte Stück Weges.

Vor mir sehe ich das Ziel, die Altenhagener Straße. Wieder singt eine Nachtigall. Es ist geschafft. Ich befinde mich in einem Zustand völliger körperlicher und emotionaler Erschöpfung. Ich trinke nicht die verdiente Flasche Bier, ich vergesse, Mechthild zu bitten, ein Foto von mir zu machen, und ich führe kein Freudentänzchen auf. Stattdessen sinke ich auf die Bordsteinkante, während Mechthild das Auto holt. Zu Gefühlen wie Freude oder Stolz bin ich im Moment nicht fähig, ich will einfach nur nach hause, in mein Bett.

Der Schlaf ereilt mich schon während der kurzen Heimfahrt, ich erwache, als Mechthild den Wagen vor dem Garagentor zum Stehen bringt. Ich schaffe es irgendwie aus dem Auto und bewege mich unbeholfen wie eine Marionette. Die 30 Meter bis zur Haustür, treppauf in den 2. Stock, jeder Schritt ein kleines Martyrium, jede Stufe ein Kraftakt, schön am Treppengeländer festhalten, die verschwitzten Sachen vom Leib. Duschen? Vergiss es! Hinlegen, zudecken und den Schmerz genießen, Aaaah – und mich drehen. Und mich wenden. Beine anziehen und strecken. Und wieder anziehen. Egal, welche Lage ich einnehme, es tut weh. Schließlich gelingt es dem Schlaf doch noch, seinen gnädigen Schatten über mir auszubreiten. Was in meiner Wahrnehmung eine Ewigkeit dauert, sind in der Realität nur 5 Minuten, wie Mechthild mir später versichert.

Der Tag danach

Als ich erwache, lacht mir der helle Morgen in die verschlafenen Augen. Die Sonne scheint, wie schön! Als ich beschließe, aufzustehen, fällt mir ein, dass ich mich bewegen muss, um aus dem Bett zu gelangen. Vorsichtig tastet sich meine Wahrnehmung zu meinen Füßen hinunter und findet sie in dem Zustand vor, der zu erwarten war – schmerzend und dreckig. Abgeklebt mit schmuddeligen Pflastern, das linke Schienbein samt Knöchel geschwollen, die Ballen wie glühende Fremdkörper. Langsam richte ich mich auf und eiere aus dem Schlafzimmer, die Treppe hinunter, wieder beide Hände krampfhaft am Geländer. Ein erster Anflug von Stolz macht sich in mir breit. Als ich Mechthild auf der Terrasse antreffe, kann ich, glaube ich , schon wieder grinsen.

Resümee

Ein derartiger Gewaltmarsch führt einen Menschen an seine physischen und psychischen Grenzen, zumindest fühlt es sich so an. Andererseits ist es doch erstaunlich, was man zu leisten vermag, wenn man genügend motiviert ist. Motivation allein genügt jedoch nicht, auch gewisse körperliche Voraussetzungen sollten erfüllt sein. Damit meine ich eine gute Kondition und umfassende Gesundheit. Jeder, der sich regelmäßig sportlich betätigt oder sich viel bewegt und Lust darauf hat, kann eine derartige lange Strecke bewältigen.

Ungemein hilfreich ist es, wenn man während der Wanderung gelingt, kein Ziel vor Augen zu haben, sondern den Moment, die Gedanken, die Eindrücke wirken zu lassen. Je länger man das durchhält, desto später kommt der Moment, in dem Schmerz und Erschöpfung in den Vordergrund rücken und der vor einem liegende Weg zur drückenden Last wird.

Wenn einem dann noch Glück und Intuition zur Seite stehen, hat man schon ziemlich gute Karten.

Das Wetter hätte an diesem Tag nicht besser sein können. Nicht auszudenken, wie mir Dauerregen oder 30° im Schatten zugesetzt hätten. Auch die Entscheidung, um 2:00 zu starten, und das Datum zur Sommersonnenwende waren wichtige Voraussetzungen für meinen Erfolg. Nur so standen mir genügend helle Stunden zur Orientierung zur Verfügung.

Entscheidende Stützen des Gelingens waren die Menschen, die mich während des Marsches begleitet und unterstützt haben, sei es durch Ablenkung, Verpflegung, Gesang, Massage oder Aufmunterung. Mein riesengroßer Dank geht an Stefan, Inken, Mila, Kay, Bennet, Hartmut, Doris, Bine, Sabine und Mechthild. Mein weiterer Dank geht an Sabine und Uta für medizinischen Rat. Ganz besonderer Dank geht an die Menschen, die für das Kinderzentrum e. V. gespendet haben. Bisher gingen fantastische 722 Euro auf dessen Konto. Super!

Die abschließende Frage, was einem denn so eine Aktion bringt, lässt sich mit einem Satz beantworten:

Der Schmerz geht – der Stolz bleibt.

Martin Pierick

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Über mich

Was habe ich nicht schon alles ausprobiert, um einen eigenen Ausdruck zu finden! Singen, dichten, Ukulele spielen, malen, fotografieren, Drachen und Bumerangs bauen, Pflanzen züchten – alles kann ich ein bisschen, nichts beherrsche ich perfekt. Aber: macht das was? Nö! Is‘ mir egal, ehrlich. Nun ist gerade Bloggen dran, eine feine Art, die zuvor genannten Leidenschaften zusammen zu führen, mir eine Bühne zu geben und euch zu unterhalten. Ja, ich bin auch ein bisschen Rampensau, ich gestehe. Ich freue mich, wenn ihr liked, beim Chorsingen stehe ich gerne in der ersten Reihe, und Poetry Slams habe ich auch schon mehrmals bestritten, und im November bekomme ich die Gelegenheit, in einer lokal populären Show in Bielefeld einige Gedichte vorzutragen. Eure Blogs wiederum beflügeln meine Fantasie, geben mir Impulse, lassen mich nachdenken, mitfühlen und lachen. Bitte weiter so!

Rasiermehl

Kaum ein Produkt menschlicher körperlich-physiologischer Produktivität wird so wenig beachtet wie das Rasiermehl. Trotz seiner weltweiten Allgegenwärtigkeit nimmt es doch im sozio-ökologischen und kulturellen Bewußtsein der Menschheit einen nur geringen Raum ein, obwohl fast ein jeder von uns täglich mit seiner Anwesenheit konfrontiert wird, und sei es als frühmorgendliche Hinterlassenschaft auf dem Waschbeckenrand. Die unendlichen Diskussionen und Streitgespräche um Ursprung und Beseitigung des feinen filamentären Niederschlags auf der Keramik prägten entscheidend die Entwicklung der menschlichen Sprache. Auch begann der Mensch, mit dem morgendlichen Ausklopfen des Elektrorasierers dem beginnenden Tag einen Rhythmus zu geben. Die Bedeutung des Rasiermehls für die Entwicklung der menschlichen Art ist also erheblich.

Der wirtschaftliche Aspekt des Rasiermehls wird mehr als unterschätzt, stellt es doch den drittbesten Pflanzendünger dar, den der menschliche Körper bereitstellen kann. Ich selber blase jeden morgen, am geöffneten Badezimmerfenster stehend, meine morgendliche Ernte in den Wind und lasse sie auf das Blumenbeet rieseln, in dem sich eine Rambler-Rose allerbester Gesundheit erfreut und sich kraftstrotzend gen Dachrinne reckt. Die Akzeptanz dieser Vorgehensweise von seiten der Nachbarschaft ist mutmaßlich weit größer, als es die Ausbringung der beiden besten Pflanzendünger, die der menschliche Körper bereitstellen kann, durch das selbe geöffnete Fenster wäre.

Ramblerrose, von Rasiermehl optimal gedüngt. Oben links befindet sich das Badezimmerfenster.

Und dann wäre noch ein ästhetischer Aspekt zu berücksichtigen, welcher erst seit kurzem, entdeckt von mir während der morgendlichen Abblasung, bekannt ist: Sonnenlicht bildet, wenn es im richtigen Winkel in ein Rasiermehlaerosol einfällt, einen Rasiermehlbogen, ganz ähnlich einem Regenbogen. Die Farbe der Haarfragmente und das Geschlecht des Spenders sind unerheblich. Experimente zur Untersuchung des Rasiermehlbogens sollten aber immer in Abwesenheit einer offenen Flamme durchgeführt werden, da es sonst im ungünstigsten Fall zu einer Schlagwetterexplosion kommen kann!

m.p.

Pollenflug

Ich döse auf dem bordeauxfarbenen Sofa, da ruft Kalle an. Kalle ist mein dickster Freund, im wahrsten Sinne des Wortes, und zugleich mein Fluglehrer. „Komm in die Pötte“, brüllt er. „Leichte Brise, Sonnenschein, 1A-Flugwetter. Vergiß nicht, vorher zu pinkeln!“ Ich schmeiß das Handy in die Ecke, spring vom Sofa und geh  pinkeln. Das ist wichtig, pinkeln während des Fluges geht nicht, weil man die Hände freihalten muß. Ein Blick in den Spiegel – Styling ist wichtig, von wegen der Mädels. Bomberjacke, rotes Halstuch, reicht.

Ach ja, und das allerwichtigste: der 50-Euro-Schein.

Parkplatz Real-Markt Teutoburger Straße: dreckige Autos, quietschende Kinder, quengelnde Einkaufswa… –ach nein, andersrum!  Haha, kleiner Autorenscherz…die Sonne brennt auf den Asphalt. Heißer Asphalt gibt guten Auftrieb, denke ich und werfe einen Blick auf die Autos –zugestaubt mit einer Patina aus Pollen.

 Kalle von weitem! „Na endlich!“, und, als ich näher komme:“Na, aufgeregt? Dein erster Flug heute, hast dir einen schönen Tag ausgesucht. Los, zum Flugdeck!“ Meint damit das Parkdach des Real-Marktes – weiträumig und eben.

Wir betreten selbiges, die anderen sind auch schon da, alle Mitglieder der Flugschule ‚Ikarus unplugged’, einige mal wieder  in schrillem Outfit. It’s Showtime. Manche übertreiben es, so wie Tanga-Toni mit seinem Italo-Knackarsch.

Carola ist auch schon da. Ich mag sie, sie fliegt immer mit Minirock, obwohl sie einen sehr fetten Hintern hat und außerdem nach Knoblauch riecht. Dieser Umstand und die Tatsache, daß sie zudem noch aus Braunschweig stammt, erklären ihren Spitznamen: Flying Sausage, nicht etwa Flying Saucer!

Money-Manni, auf deutsch Geld-Mannfred, kommt auch gerade. Er ist Sparkassenleiter und stylistisch eine Schande, er fliegt mit Helm und Krawatte, dafür kann er aber Looping und Rückwärts und macht die Vereinskasse.

Willi ist Imker und gilt als der Entdecker des Pollenfluges, seit er vor Jahren heraus fand, daß Pollen halluzinogen wirken und Flügel verleihen. Seitdem kassiert er Unsummen von Red Bull und anderen Drogenkartellen dafür, daß er sein Wissen nicht preis gibt. Trotzdem ist er bescheiden geblieben. Nur auf sein Biene-Willi-Kostüm, das er manchmal trägt, mag er nicht verzichten.

Toni schreitet zum erstbesten dreckigen PKW, zückt einen 50-Euro-Schein, den er hinter dem String stecken hat, rollt ihn und zieht sich eine satte Linie von der Motorhaube. „Hmmm – Birke/Haselnuss, leichter Hauch von Saharastaub“, stellt er mit Kennermiene fest. Die anderen schließen sich an, nur Kalle sucht nach einer Nobelkarosse, was am Real-Markt wenig Sinn macht.  Er findet schließlich einen 5er-BMW, zückt einen 200-Euro-Schein und kann so der billigen Droge einen Rest von Exklusivität verleihen.

Die Wirkung setzt bei allen zügig ein: verklärter Blick, dämliches Grinsen, dann: Arme ausbreiten, abstoßen, abheben und alles vergessen, was man in Physik gelernt hat.

Vor mir schwebt Carola hüfthoch über dem Asphalt. Sie hat’s besonders leicht, weil sie nie Physik hatte, und wenn doch, durch innere Abwesenheit glänzte. Ihr Haar flattert im Wind, ihr Minirock nicht, dafür ist er zu eng, da flattert nichts! Ich reiße mich von dem Anblick los, zücke meinen Fünfziger und ziehe mir meine erste Linie, ganz langsam…inhaliere tief…ganz tief…Ha! Was ist…was…was…meine Füße! Halt…nein…uih! Huch…diese Leichtigkeit…ich stoße mich ab…ich bin eine Feder… treibe im Wind, vom Winde verweht, oder vom Winde verwirrt?

Ist das geil! Ich fliege! Mannomann! Mit ausgebreiteten Armen dümple ich über das Dach.

Kalle schwebt vorbei, sein Bauch schrappt über den Asphalt. Er lacht. „Geht doch!“ „Und was jetzt?“ „Wie, was jetzt?“ „Ich mein, wie komm ich vorwärts und so?“ „Mach’s einfach, denk nicht drüber nach.“ Ich denke nicht drüber nach und genieße den warmen Wind.  

Kalle macht sich in Richtung Helmholz-Gymnasium davon, um den Unterricht zu stören. Er trägt heute ein Käppi mit Propeller. Die Schüler kennen das schon und nennen ihn Karlson vom Dach.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, mal über die Brüstung zu schauen, und schon treibe ich darauf zu. Uuups….der Blick in die Tiefe tut meinen Augen gar nicht gut. Ich schließe sie und versuche, an nichts zu denken, was mit Schwerkraft und Aufprallenergie zu tun hat. Luftwiderstand ist ein schönes Thema, denke ich, oder Aerodynamik. Ich könnte die Füße nach hinten strecken. Ein schmales Gesicht machen, die Ohren anlegen….schon spüre ich, ich beschleunige, werde schneller, immer schneller, zu schnell, außer Kontrolle, die Luft rauscht vorbei. Ich blinzle erschrocken durch die halbgeschlossenen Augenlider und kann gerade noch dem Städtischen Klinikum, 10. Stock, Gynäkologie ausweichen. Scheiße, das war knapp. Ich verharre zitternd, fange mich, hole tief Luft. Ich schiele durch eines der großen Fenster. Eine Frau, vielleicht Hebamme, zeigt aufgeregt mit dem Finger auf mich und formuliert ihre Erregung ob meiner unerwarteten Anwesenheit, indem sie den Titel eines berühmten Schlagers der Neuen Deutschen Welle zitiert. ´Dadada`, formen ihre Lippen tonlos hinter der Doppelverglasung, dann kippt sie um, wahrscheinlich Ohnmacht.

Nix wie weg, denke ich, ich falle auf, Real-Markt, denke ich, um 10 Sekunden später dort einzutreffen, 60 Meter über dem Parkplatz. Ich beruhige mich, lasse mich treiben. Neben mir flattert eine Krähe. Nicht ungewöhnlich, trüge sie nicht eine rote Mütze.   

„Was tust du“, fragt sie. Oh, die Krähe kann sprechen! „Ich fliege“, antworte ich oberschlau und denke, wenn die sprechen kann, kann ich auch fliegen. „Ach, ja?“ Sie schaut mich zweifelnd an. „Und was meint die Schwerkraft dazu, hä?“ Sie dreht ab und macht sich davon, nur eine kleine Feder bleibt zurück, fliegt mir ins Gesicht und kitzelt.

Die Schwerkraft blickt promt in meine Richtung, als sie ihren Namen hört und teilt mir augenblicklich mit, was sie von der ganzen Sache hält: ich falle.

60 Meter sind ganz schön hoch, sollte man meinen, Zeit genug, noch einige wichtige Sachen zu erledigen. Weit gefehlt, für diese Höhe ist auch das Vaterunser schon zu lang. Die Zeit reicht gerade aus, zu bemerken, daß das Auto unter mir sehr schnell größer wird, festzustellen, daß sich auf dem Dach ein Dachgepäckträger befindet und auf diesem zwei Fahrräder. Die Kindersitze hätten sie abmontieren können, wenigstens das, denke ich, das senkt auch den Spritverbrauch, dann schlage ich auf…

Mein Bewußtsein kehrt widerwillig zurück. Sanfte Musik umplätschert mein dämmriges Dasein, bin ich im Himmel? Ich spüre keinen Schmerz, was mich wundert, ich sollte von Speichen durchbohrt sein, eine Fahrradklingel in der rechten Augenhöhle steckend. Ich spüre keine Klingel im Auge. Wahrscheinlich Mountain-Biker, denke ich, die klingeln nie. Vorsichtig öffne ich die Augen. Alles rot, blutrot, ich liege weich.

„Na, Schatz, ausgeschlafen?“, flötet meine Frau, die sich über das bordeauxfarbene Sofa beugt und mich anlächelt. Sie trägt ihre schwarze Jacke, dazu die rote Mütze. „Wo bist du gewesen, hast du geträumt? Oh, du hast ja eine Feder im Haar! Wie süß“

©m.p.

 

Was schreib ich bloß?

 

Nachdem ich schon mindestens 2 Tage nichts mehr veröffentlicht habe und mir gerade überhaupt kein Gedicht einfallen mag, muss ich wohl, wie so viele andere, Schmetterlingsbilder posten. Natürlich freue ich mich über eure tollen Fotos und Berichte. Aber ein kleines bisschen möchte ich mich ja schon absetzen, zugegeben. Also zeige ich euch nur Bilder einiger Schmetterlinge, die alle auf der gleichen Pflanze abgelichtet wurden, und zwar nicht auf dem wirklich spektakulären Sommerflieder, sondern auf einer einheimischen Pflanze, dem Wasserdost. Die Bilder verdeutlichen ein wenig, wie wichtig einheimische Pflanzen für unsere Insekten sein können. Ein Exemplar dieser Pflanze gedeiht auch in unserem Garten. Das Titelbild zeigt keinen Schmetterling, sondern einen grübelnden Blogger.

Zitronenfalter, nicht auf dem Dost, aber nahe daran. Das müsst ihr mir jetzt einfach glauben!

Ein Kleiner Fuchs

Ein Distelfalter

Ein Pfauenauge

Ein kleines Leckermaul

Diese Fotos gelangen mir im August 2013. Der Bläuling hatte im Außenbereich eines Cafes den Zuckerspender für sich entdeckt. Die Tatsache, dass er sich nach gelegentlichem Aufscheuchen jedesmal sofort wieder auf diesem nieder lies, lässt vermuten, dass er ein wahres Leckermaul war und außerdem über eine Art Gedächtnis verfügte.

Oh Drosophila

Wenn Sonnenstrahlen sie erwärmen,

die gerne über Fallobst schwärmen

und tanzen über Komposthaufen,

um den Rand des Weinglas‘ laufen,

rufen alle, fern und nah:

‚Drosophila – der Herbst ist da!‘

 

 

Verheerende Urlaubserfahrung

Bekanntlich gibt es auch heute noch sehr schöne Urlaubsziele. Sie bleiben so lange sehr schön, bis sie überrannt, zugebaut, verkitscht oder sonstwie zerstört werden. Damit diese unerfreulichen Eingriffe des Menschen der in den letzten 10 Tage von mir aufgesuchten Region nicht widerfahren, werde ich nun alles aufzählen, das mir einfällt, was andere Menschen davon abhalten könnte, diese erschreckend zauberhafte Landschaft ebenfalls kennen lernen zu wollen. Es handelt sich um die Alpen, dieses abweisende und gefährliche Massiv zwischen Bodensee und Gardasee, genauer gesagt, den E5, ein erschütternd schöner Wanderweg, welcher dieses drohende Gebirge aus Fels und Stein durchwindet und überschreitet. Wir begingen ihn von Kempten bis Meran, kreuzten 2 Landesgrenzen und sammelten reichlich Höhenmeter. Wir folgten finsteren Schluchten und rasenden Bächlein, überschritten herzzerreißend schöne Almen voller Blumen von aufdringlicher Schönheit und wurden vom Gletschereis geblendet. Tödliche UV-Strahlung durchbohrte unseren 50+-Schutz, nur an einem Tag gelang es eisigem Nieselregen nicht, unsere Kleidung zu durchdringen. Eine fremdartige Tierwelt bedrohte uns während des gesamten anstrengenden und kräftezehrenden Marsches. Eine Kreuzotter versuchte, durch eilige Flucht Harmlosigkeit vorzutäuschen, Murmeltiere bemühten sich, uns durch lautes Pfeifen vom Weg abzubringen, ein Steinbock stand, einem bösen Omen gleich, auf einem Felsen auf der anderen Seite der tiefen Schlucht, und ein hoch über uns dräuender Steinadler beäugte uns misstrauisch und schien jeden Moment auf uns nieder stoßen zu wollen. Aufdringlich-freundliche Hüttenwirte empfingen uns mit Speisen und Getränken, deren Menge und Qualität die Gaben der Circe an Odysseus, mit denen sie ihn zum Verbleiben auf ihrer Insel verführte, in den Schatten stellten. Schnell wurden wir vom Virus der Entspannung und der Freude befallen, doch unsere unerbittliche Reiseleiterin kannte keine Gnade, sie hetzte uns sachten Schrittes von einem erschaudernd schönen Berg auf den nächsten, willig unterstützt von ihrem Assistenten, welcher vorgab, als ‚letzter Mann‘ der Kolonne dafür zu sorgen, dass niemand verloren ginge. Niemandem gelang es, sich heimlich in die Büsche zu schlagen, und so gelangten wir alle wider Erwarten nach Meran, wo unsere Reise ein glückliches Ende fand.

Und jetzt mal ernsthaft und in einem Satz: es war ein wundervoller Urlaub!

Herzliche Grüße an euch alle!

Martin

Martin wundert sich,…

…wer fast jeden 2. Tag aus den USA seinen Blog besucht und meistens einen uralten Beitrag liest. Ich kenne dort niemanden und bekomme auch nie einen Kommentar wie z. B. ‚Hey, that’s great. man!‘ oder ‚Hey, what bullshit ist that!?‘ Wer könnte das sein? Die CIA?

Liebe Grüße in die Runde

Madddin

Sein letzter Gag (7. und letztes Kapitel)

In der Gruga-Halle herrschte eine Stille, die man nicht erwarten würde, wenn 10371 Menschen zuzüglich eines Showmasters vom Format Markus Jürgens’ anwesend sind. Man hätte sie Totenstille nennen können und eine Stecknadel hinter der allerletzten Reihe fallen hören können, wenn nicht deutlich das gleichmäßige, leicht röchelnde Atmen eines alten Mannes aus den Lautsprechern zu vernehmen gewesen wäre. Kein Stuhl knarrte, kein Hüsteln erklang, niemand wagte zu flüstern. Rudi Koralle lies sich Zeit. Seine Konterfeis huschten stumm über die Großbildleinwand, wie er im Fernseher beobachten konnte. Er schaute zur Tür. Elena und die gesamte Nachtschicht des Hauses ‚Himmelspforte’ sowie die meisten gehtüchtigen Bewohner drängten sich dort und auf dem Flur. Stummes Staunen hatte sie erfasst. Rudi überlegte. Er hatte ein Geheimnis versprochen, er würde ihnen eines bieten. Nur welches? „Hmm…“ Er zählte still und langsam von 10 abwärts, er würde sie zappeln lassen, gutes Timing war alles. Er würde ihnen das Blaue vom Himmel lügen. Die Zeit schien still zu stehen, in seinem Zimmer, in der Gruga-Halle, vor Millionen Bildschirmen im ganzen Land. Die Nation hielt den Atem an.

Als Rudi bei 5 ankam, wußte er, welche Geschichte er ihnen auftischen würde, und als er bei 2 ankam, hielt Markus Jürgens es nicht mehr aus. „Herr Koralle“, stieß er hervor und verlor zum ersten mal in seiner Show die Kontrolle. „Das Geheimnis! Wie lautet das Geheimnis?“ Schweiß glänzte auf seiner Stirn, ein unverzeihlicher Fauxpas. Rudi beobachtete es mit Genugtuung. ‚Showdown’, dachte er, ‚dick auftragen, fett nachlegen, auf die Kacke hauen, dann glauben sie dir alles.’ „Es war damals“, röchelte es tief aus seiner Brust, „April 45“. Hoffentlich würde er diese Stimmlage bis zum Ende seiner Darbietung durchhalten. „Ja…es muss April gewesen sein. 11 Lastwagen voll…kaum Sprit…nur nachts gefahren, wegen der Tiefflieger…ach, schrecklich…“ Er überlegte, wog Details ab, sortierte Reihenfolgen, nuancierte Stimmungen. Was für ein Spaß! „…erreichten Bielefeld im Morgengrauen. Alles ging gut.“ „Was ging gut, Herr Koralle“, entfuhr es Markus Jürgens, der nicht mehr an sich halten konnte und sich den Schweiß von der Stirn wischte. „ Wir haben alles versteckt, gut versteckt, den ganzen Schatz…11 Lastwagen.“ „Einen Schatz? Mein Gott, Herr Koralle, um was für einen Schatz handelte es sich denn? Herr Koralle hat einen Schatz vergraben, hahaha, vielleicht eine Kiste mit Goldstücken?“ „Keine Goldstücke.“ Er sah im Gesicht des Showmasters Zweifel an dessen eigenen Zweifeln, und er sah in den Gesichtern des Publikums, dass er die Leute schon fast überzeugt hatte. Jetzt hieß es, auf’s Ganze zu gehen. „Keine Goldstücke“, wiederholte er, „11 Lastwagen…es ist…es handelt sich…es handelt sich um das…Bernstein-Zimmer.“

Den Anwesenden in Rudis Zimmer gefror für einen Moment vor Überraschung die Mimik, dann presste jeder die eigenen Hände oder irgendwelche schnell erreichbaren Kissen, Decken oder Vorhänge vors Gesicht, um nicht lautschreiend losprusten zu müssen. Delphine vollführte ein Tänzchen und war kurz davor, sich einzunässen. Nur Gerrit stand still, verstand nicht und starrte konsterniert auf den alten Mann, der wildfuchtelnd versuchte, die Rasselbande zu beruhigen, um sich dann wieder dem Bildschirm zuzuwenden.

In der Gruga-Halle hatte ein rasch anschwellendes Gemurmel angehoben, gegen das Markus Jürgens nur aufgrund seiner kräftigen Stimme und unter Einsatz der allermodernsten zur Verfügung stehendenVerstärkertechnik ankam. Bernd Stein, der gerade auf dem Parkplatz eine geraucht hatte, kam gerade rechtzeitig zurück in’s Studio, um den Tumult zu bemerken und die Stimme seines Chefs einige Dezibel höher zu regeln. Dieser erlangte mit der gesteigerten Stimmeskraft auch endlich seine Fassung zurück und rief. „Herr Koralle, das Bernsteinzimmer? Meinen Sie DAS Bernsteinzimmer?“ „DAS Bernsteinzimmer“, echote Rudi, und nach einer Pause „…befindet sich in Bielefeld.“ Millionen Wohnzimmergespräche verstummten, Millionen Fernsehgeräte wurden lauter gestellt, Millionen Oberkörper, welche gerade noch schlaff in Sesseln gehangen hatten, wurden vorgebeugt, um auch wirklich die allerfeinste Nuance dieser unglaublichen Mitteilung zu erfahren. Das Bernsteinzimmer…jeder hatte davon gehört, seit Jahrzehnten verschollen in den Wirren des Krieges, gestohlen, verbrannt? Niemand wusste nichts genaues, Theorien wurden gehandelt, viele suchten es in alten Stollen, in Bunkern, alles vergeblich, es blieb unauffindbar. Und nun erzählte dieser alte Mann, es habe die ganze Zeit in Bielefeld gelegen, irgendwo verbuddelt.

„Herr Koralle, das ist ja ein ungeheures Geheimnis, das sie da preisgeben!“ Markus Jürgens mußte fast brüllen, um gegen das aufgeregte Geschnatter im Saal anzukommen. „Woher wissen Sie denn, dass sich das Bernsteinzimmer in Bielefeld befindet?“ „Ich hab’s selber hingebracht.“ „Und…ja, das ist ja unglaubich, Herr Koralle…und wo in Bielefeld befindet das Bernsteinzimmer?“, und zum Publikum im Saal gewandt: „Meinen Damen und Herren, wir stehen vor einer sensationellen Entdeckung, der größte Schatz der Zaren ist offensichtlich gefunden worden!“ Diese Erläuterung war überflüssig, weil alle im Saal begriffen hatten, worum es ging, aber sie gab ihm das Gefühl zurück, das Heft wieder in der Hand zu halten. Mit so gesteigertem Selbstvertrauen fuhr er fort. „Herr Koralle, nun müssen Sie uns aber auch sagen, wo sich das Bernsteinzimmer befindet!“ Schweigen in der Leitung.

„Herr Koralle…wo…ist…das…Bernsteinzimmer!“ Schweigen. „Herr Koralle!“ „Ich…“ „Ja?“ „Ich…ich will’s nicht sagen.“ Rudi merkte, wie ihm die Stimme aus der Gruft mehr und mehr Schwierigkeiten machte, er brauchte eine Pause. Er achtete nicht auf den Tumult, der sich auf dem Bildschirm abspielte und dessen Kontrolle dem Showmaster zu entgleiten drohte. Er winkte Gerrit zu sich heran. „ Gerrit, ich weiß, Sie sind ein Arschloch, aber ich sag’s niemanden, weil ich jetzt Ihre Hilfe brauche! Helfen Sie mir?“ Gerrit nickte übereifrig und hörte gar nicht damit auf, bis Rudi ihm die Hand auf die Schulter legte. „Sie machen doch dieses komische Spiel, diese Schnitzeljagd mit Handy.“ „Actionbound!“ „Und dafür benutzen sie dies GMS, oder wie das heißt” „GPS!” „Ja, genau! GPS! Ich will, dass Sie mir die genauen Koordinaten von der alten Molkerei geben.“ „Die da oben am Waldrand?“ „Ja, wieviel alte Molkereien haben wir denn, verdammt noch mal“, zischte Rudi, „die Koordinaten!“ „ Aber die steht doch leer, die alte Bruchbude.“ „Gerrit!“ Rudi schäumte, „Die Koordinaten! JETZT!“ Gerrit zuckte mit den Schultern und zückte sein Smartphone. Während er in seiner Actionbound-App die Karte von Ostwestfalen aufrief und Bielefeld anvisierte, drang Markus Jürgens aufgeregte Stimme an Rudis Ohr. „Herr Koralle, sind Sie noch dran? Herr Koralle, hallo?“ Rudi hüstelte laut und vernehmlich. „Verzeihen sie…die Schwester hat gerade meinen Urinbeutel ausgetauscht. Heute gab’s Spargel. Konnte man noch riechen. Mögen Sie auch Spargel?“ Die Heiterkeit in Rudis Zimmer nahm Ausmaße an, dass einige der Anwesenden fluchtartig den Raum verließen und draußen auf dem Flur in brüllendes Gelächter ausbrachen. Frau Stoffel-Baumgaertner, die langjährige Leiterin des Hauses ‚Himmelspforten`, von strenger, aber gerechter Art, vernahm auf ihrem abendlichen Rundgang durchs Haus diese Äußerungen ungehemmter Freude und befand sie für befremdlich und der weiteren Nachforschung würdig.

„Ja, Spargel mag ich auch gerne, Herr Koralle. Doch nun zum Schatz…wo ist das Bernsteinzimmer?“ „Sag ich nicht.“ „Doch, Herr Koralle, sie haben’s versprochen. Wollen Sie all diese lieben Menschen enttäuschen,“ rief er und zeigte mit einer weiten Bewegung seines Armes in die Runde. Rudi schaute zu Gerrit, der nickte. „Also gut“, sprach Rudi gedehnt, „wenn Sie meinen…aber ich sag’s nur Ihnen!“

Die Unruhe im Saal stieg sprunghaft an, das ging ja wohl gar nicht! Man bezahlte schließlich Eintritt, da konnte der alte Knacker doch nicht so mit seinem kleinen Geheimnis geizen! Markus Jürgens reagierte geschickt. „Ok, Herr Koralle! Sie erzählen nur mir, wo das Bernsteinzimmer versteckt ist“, und zum Publikum im Saal laut flüsternd:“…und Ihnen, wertes Publikum, verrate ich es hinterher!“ Die Leute waren augenblicklich beruhigt, und niemand kam auf die Idee, dass der alte Mann ja jedes Wort auf dem Bildschirm in seinem Zimmer mitverfolgen konnte. „Herr Jürgens“, tönte er mit Grabesstimme, „ich bin alt, aber nicht doof. Sie müssen natürlich die Saalübertragung ausstellen! Und wenn jedermann weiß, wo sich das Bernsteinzimmer befindet…sie wissen, was dann geschehen wird!“ Der Showmaster erbleichte und lächelte nervös. „Ja, selbstverständlich, Herr Koralle, die Saalübertragung…“, und zur Technik: „Saalübertragung aus!“ Die Stimmung in der Gruga-Halle sank auf den Punkt des GMST, des GrößtMöglichenStimmungsTiefs und kippte um in Richtung anschwellender Volkszorn. Warum sollte ausgerechnet dieser Lackaffe als einziger das Versteck des Schatzes erfahren! Erste Plastkbecher flogen und Buhrufe erschollen. Markus Jürgens war nicht bereit, jetzt klein beizugeben, das war die Show des Jahres, die Mutter aller Shows. Er zückte einen Stift und einen Zettel und rief. „Herr Koralle, schießen Sie los:“ Geschickt wich er mehreren halbvollen Bechern aus, während er konzentriert die Koordinaten nieder schrieb, die Rudi ihm von Gerrits Handy diktierte. Schließlich erhob er die rechte Hand sowie seine Stimme und zeigte dem Volk den kleinen vollgekritzelten Zettel. „Verehrtes Publikum! Ich kann Ihre Emotionen sehr, sehr gut verstehen. Darum werde ich Ihnen nun die Koordinaten des Verstecks vorlesen!“ Der Zorn der Massen verrauchte augenblicklich, Smartphones, Zettel und Stifte wurden im Saal und in den Wohnzimmern gezückt, um wie auch immer die große Verkündigung aufzuzeichnen. „So ein Drecksack“, protestierte Delphine, „er hatte doch versprochen…“ „Ganz ruhig“, entgegnete Rudi, „warten wir’s ab.“

Und er behielt recht. Markus Jürgens dichtete sich Koordinaten zusammen, die vielleicht innerhalb des inneren Sonnensystems zu finden waren, aber ganz gewiß nicht in Bielefeld. Die Nation schrieb fleißig mit, bis der größte aller Showmaster schließlich bemerkte:“Tja, mein liebes Publikum, nun wissen Sie alle Bescheid. Irgend jemand von Ihnen, dessen bin ich mir sicher, wird diese Koordinaten entschlüsseln. Vielleicht sind es aber auch nur die wirren Erinnerungen eines senilen alten Mannes, ohne Bedeutung.“ Seine rechte Hand umklammerte fest den Zettel mit seinem Gekritzel. ‚Wie unsagbar dämlich die Leute sind, einfach unfaßbar’, dachte er, während die ‚Bone Collectors’ die Schlußmelodie anstimmten.

Rudi und seine Gäste verfolgten das Ende der Show. Er war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Er hatte heute einen großen Auftritt gehabt, zweifelsohne. Vermutlich sein letzter, dachte er, nur vor kleinem Publikum, aber mit größerer Wirkung als jeder seiner Auftritte zu seinen Glanzzeiten. Nun hieß es abwarten.

Aus dem dicht gedrängten Haufen im Eingang zu seinem Zimmer löste sich eine zierliche Frauengestalt. „Was bitte geht hier vor sich? Ist Ihre Schicht schon beendet?“ Frau Stoffel-Baumgaertner hatte es nicht nötig, laut zu werden, sie wurde uneingeschränkt respektiert, die Gruppe zerstreute sich in Windeseile.

„Ah, guten Abend, Frau Stoffel-Baumgaertner! Wie schön, dass sie mich besuchen. Ich glaube, wir müssen miteinander reden.“ „Ja, Herr Koralle, ich glaube das auch“, entgegnete sie, die die letzten Minuten der Show im Eingang stehend verfolgt hatte. „Wir müssen dringend miteinander reden.“

 

 

Epilog

 

„ Sie sind mal wieder in der Zeitung, Herr Koralle…naja, zumindest indirekt“, sagte Delphine und zog streng die linke Augenbraue hoch, als sie ihm die Zeitung reichte. „Wieso?“entgegnete er, „was habe ich verbrochen?“ „Sie nicht, aber alle anderen! Da!“ Sie zeigte auf die Titelzeile. ‚Einbruchzahlen in Bielefeld steigen rapide an!’ und weiter unten ‚…17 Fälle in einer Nacht! Kein Haus mehr sicher!’ Seit Wochen schien sich ganz Bielefeld nachts mit Einbruchwerkzeug auf die Socken zu machen und sich gegenseitig die Keller aufzuknacken. Die Katakomben der Sparrenburg waren aufgebrochen worden, das Stadtarchiv ebenso wie der Keller des Ringlokschuppens, nur für die verfallene Alte Molkerei hatte sich bisher noch niemand interessiert. Manche kauften sich einen Spaten und einen Metalldetektor. Sie fanden Schrauben, Hufeisen und Fliegerbomben, aber keine Kisten voller Bernstein. Andere versuchten sich als Wünschelrutengänger und blieben ähnlich erfolglos. Immerhin blieb ihnen das Ausgraben von Metallschrott erspart. Jeder interpretierte die Zahlen, die Markus Jürgens als Koordinaten verkauft hatte, auf seine Art. Sie wurden als solche, allerdings codiert, gehandelt, dann waren es wieder Kontonummern, Telefonnummern und Geburtsdaten. Sie wurden zu nachtschlafener Zeit stundenlang begrübelt und durch Decodierungsprogramme gejagt und zu guter Letzt als Lottozahlen eingesetzt, um vielleicht doch noch einen Gewinn aus all den Mühen zu ziehen.

Markus Jürgens machte sich nichts aus den Zahlen, er hatte seine eigenen. Er ließ eine Woche verstreichen, dann tippte er sie in ein GPS-Programm ein, las die ermittelte Adresse und stutzte. ‚Alte Molkerei, Haus Himmelspforten’. Mein Gott, der alte Mann saß fast auf dem Schatz, und niemand schien davon zu wissen. Er beauftragte einen Anwalt, wegen des Kaufs des Gebäudes ein Angebot zu unterbreiten, und die Hausleitung, eine gewisse Frau Stoffel-Baumgaertner, ließ mittteilen, man hänge so an dem wunderschönen alten Haus, dass ein Verkauf quasi nicht in Frage käme, und Markus Jürgens ließ antworten, es sei doch schon arg verfallen, und er würde es renovieren lassen und dann für Dreharbeiten für seine Show nutzen wollen und erhöhte sein Angebot, kurzum: nach mehreren Wochen zäher Verhandlungen wechselte die Alte Molkerei für einen zweistelligen Millionenbetrag den Besitzer. Der Handel verschaffte dem Haus ‚Himmelspforten’ das Budget einer kleineren Kreisstadt und Markus Jürgens einen riesigen Schuldenberg, um den er sich aber keine Sorgen machte. Er würde bald reiche Ernte einfahren.

Niemand durfte ihn begleiten, als er das dunkle Innere des Gebäudes betrat. Die Bauarbeiter, die das Loch in die zugemauerte Tür geschlagen hatten, zogen sich auf sein Geheiß zu ihrem Fahrzeug zurück, auf dessen Ladefläche Zement und Steine bereit lagen, um die Öffnung anschließend wieder verschließen zu können. Es dauerte eine Stunde, bis Markus Jürgens das Gebäude auf die gleiche Weise verließ, wie er es betreten hatte. Sein Anzug war verstaubt, in seinem Haar klebten Spinnweben. Sein Gesicht war starr und kalkweis wie die Milch, die hier einst verarbeitet worden war. „Zumauern“, sagte er tonlos, als er die Gruppe der Arbeiter passierte, sich in sein Auto setzte und davon fuhr.

„Und da! Lesen Sie mal da, Herr Koralle, unter ‚Reich und berühmt’. Echt Hammer, oder?“ ‚Showmaster fliegt aus Sanatorium. Rechnung nicht bezahlt’, las Delphine laut vor und fügte hinzu: „Scheint pleite zu sein.“ „Ich habe gehört, er habe sich mit Immobilien verspekuliert“, antwortete Rudi. „Was gibt’s heute Mittag zu essen?“ „Klare Steinpilzbrühe, anschließend Wildlachs mit Creme aus schwarzen Trüffeln und persischem Dill, dazu gedünstete Kerbelrübe aus Cornwall, als Dessert ein feines Guavensorbet. Zu Trinken: zur Begrüßung wie immer ein Gläschen Sekt, dann wahlweise einen trockenen Silvaner oder einen sanften Riesling, beides Mosel, abschließend lecker Likörchen, wie immer“, grinste Delphin. „ Sie dürfen übrigens heute am Tisch von Frau Stoffel-Baumgaertner sitzen.“ „Fein“, antwortete Rudi. „Dann lassen Sie uns gehen. Wir wollen die Dame nicht warten lassen.“

 

 

 

Sein letzter Gag (6. Kapitel)

  1. Kapitel

 Rudi saß regungslos aufrecht im Bett und starrte mit offenem Mund am Fernseher und den Rotarmisten vorbei an die Wand. „ Herr Koralle? Herr Koralle, alles in Ordnung?“ Delphine stand besorgt auf und ging zu seinem Bett. Er schaute abwesend zu ihr, plötzlich blitzte ein Lächeln über sein Gesicht. Rudi deutete ihr mit erhobenem Zeigefinger vor den gespitzen Lippen an, sie möge sich still verhalten und zeigte anschließend auf die auf dem Teppichboden liegende Fernbedienung. Sie verstand, bückte sich und reichte sie ihm mit fragendem Gesichtsausdruck. Er dankte ihr mit einem stummen Nicken, tippte mit der freien Hand auf der Tastatur herum, bis auf dem Bildschirm Markus Jürgens erschien, der gerade mit blendendweißem Strahlen und einer schwungvollen Armbewegung die ‚Bone collectors’ einzelnd vorstellte, während sie Lounge-music der seichteren Art zum Besten gaben. Rudi reduzierte die Lautstärke und wandte sich wieder dem Anrufer zu. „Bitte, wer spricht da?“ Er brüllte in den Hörer, dass Delphine erschrocken zusammenzuckte. „Stein. Bern Stein“, brüllte dieser zurück. „Sie sind in der Show!“ „Waaas?“ „In der Shohow!“ „Welche Show? Ich…ich kann Sie so schlecht verstehen! Sprechen Sie doch lauter!“ Bernd Stein holte tief Luft. Ganz ruhig bleiben, dachte er, ganz ruhig. Er sprach mit kräftiger und überakzentuierter Stimme: „Herr Koralle, Sie sind im Fernsehen, in der der Show ‚Zauber des Alters’. Herzlichen Glückwunsch!“ „Ich bin in meinem Zimmer,“ antwortete Rudi. Bernd Stein rollte mit den Augen. „Ja, Sie sind in Ihrem Zimmer. Aber Sie sind auch in der Show! Idiot!“Letzteres fügte er leise hinzu, nicht ahnend, dass Rudi ein erstklassiges Hörgerät trug. Dieser grinste leise, wandte sich Delphine zu, die aufgrund des Gebrülls jedes Wort hatte verstehen können, und mit offenenem Mund Bauklötze staunte, und zwinkerte ihr schelmisch zu. „Und wer sind Sie? Bernd Stein? Kennichnich! Sind Sie in der Show? Ich bin in meinem Zimmer. Ich gucke gerade die Show und kann Sie gar nicht sehen! Sind Sie ein Betrüger? Ich rufe die Polizei. Polizei!“ In Rudis Augen blitzten Tränen, er konnte sein Lachen nur mit Mühe zurück halten. Delphine hatte sein Schauspiel mittlerweile durchschaut und genoss die Aufführung höchst amüsiert.

Bernd Stein wünschte sich nichts sehnlicher, als dieses Gespräch schnellstmöglich zu beenden. Er war Profi und hatte ein gutes Gespür dafür, wenn etwas glatt lief. Dieses Gespräch lief nicht glatt, etwas warnte ihn. Er bekam keine Gelegenheit, dieser Emgfindung nachzugehen, die Stimme von Markus Jürgens schreckte ihn auf. „Bernd Stein, wir rufen Bernd Stein! Bernd Stein, bitte kommen!“ Er schaute auf den Bildschirm und sah: die Zeit drängte. Das strahlende Lächeln seines Chefs konnte vielleicht das Publikum täuschen, jedoch nicht ihn. Markus Jürgens wurde ungeduldig, zweifelsohne! Lange würde er die Leute nicht mehr mit seinem launigen Geplänkel hinhalten können, es wurde Zeit, die Verbindung herzustellen. „Herr Koralle“, brüllte er in sein Handy, „Ich verbinde Sie nun mit Markus Jürgens, viel Vergnügen in der Show“, und über die Nebenleitung in’s Headset seines Chefs:“Verbindung steht. 3-2-1-jetzt!“ Er schaltete um und sank mit einem erleichterten Seufzer in die Stuhllehne.

Markus Jürgens holte tief Luft, die Kapelle spielte einen spannungsgeladenen Wirbel, das Licht in der Gruga-Halle wurde gedämpft, während Lichtkleckse über die Wände und über die Gesichter des Publikums huschten. Die Zeit schien für einen Moment still zu stehen. „Und nun“, hob Markus Jürgens an, „begrüßen wir…..“ Die Musik schwoll etwas an, die Lichter zuckten etwas hektischer, die Spannung stieg, das Publikum folgte gebannt jeder seiner Lippenbewegungen. “…unseren Star vergangener Tage, aus der Zeit, als das Fersehen laufen lernte, als die Straßen wie leergefegt waren, wenn er durch die Sendung führte. Wir begrüßen…..Rudi Koralle! Applaus für Rudi Koralle!“

Das Publikum tobte wie befohlen. Die jüngeren hatten noch nie von ihm gehört, die Senioren im Saal kannten ihn jedoch aus Kindertagen, und während auf der Großbildleinwand Szenen aus Rudi Koralles künstlerischem Schaffen aufflammten, Koralle im Gespäch mit Bewunderern, Koralle in seinem berühmten Tanzfilm, Koralle als glänzender Showstar, Koralle auf der Bühne und in seinem Sportcabrio, Koralle in Nizza und in Rom, kamen die Erinnerungen. Dass der noch lebt, wär hätte das gedacht! Und als würde Markus Jürgens die Gedanken seines Publikums erraten, was er natürlich tatsächlich auch tat, und was ja auch nicht wirklich schwierig war, rief er in das allgemeine Raunen und Staunen:“Ja,den gibt’s noch! Guten Abend, Herr Koralle! Herr Koralle, wie geht es Ihnen?“

Delphine klappte der Kiefer runter. Erst jetzt begriff sie die tatsächlichen Zusammenhänge. Hatte sie gerade noch gebannt auf den Bildschirm geschaut, wandte sich ihr Blick mit allergrößtem Erstaunen Rudi zu, wie er mit dem altertümlichen Hörer in der Hand aufrecht im Bett saß und von einem Ohr bis zum anderen Ohr grinste. „Och, mir geht’s ganz gut“, sprach er langsam mit hohler Stimme, die aus der Unterwelt des Hades empor zu dringen schien, das laute Sprechen fiel ihm doch etwas schwer, „wenn nur nicht immer diese Blähungen wären.“ Delphine presste sich das Sofakissen vor das Gesicht, um nicht losprusten zu müssen. Das gibt’s nicht, dachte sie, er verarscht die im Fernsehen. Und diese Stimme! Erst laut, dann wie aus der Gruft, mein Gott, was kommt da noch?

Markus Jürgens riss sie aus ihren Gedanken. „Jaja, wir sind alle nicht mehr die jüngsten, der eine mehr, der andere weniger, hahaha“, plapperte er, während das Publikum artig über seinen Kalauer lachte. „Herr Koralle, Sie wissen, warum wir Sie anrufen. Wir wollen Ihnen ein Geheimnis entreißen – das Geheimnis Ihres Lebens. Jeder von uns hat ein Geheimnis. Herr Koralle, verraten Sie uns ihr Geheimnis!“ Zum Publikum gewandt, fügte er hinzu: „Wird Rudi Koralle uns sein Geheimnis verraten, Was hält er vor uns geheim?“

Während die Musik und die Lichtshow im Saal die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Spannungsbogens übernahmen, versank Rudi in Schweigen. Hatte er ein Geheimnis? Nicht, dass er wüßte…keine Eskapaden, keine Drogen, keine fünf geschiedenen Ehen. Er hatte nie geheiratet, war äußerst erfolgreich und wohlhabend und hatte sich rechtzeitig zur Ruhe gesetzt und dem Rummel abgeschworen. Er dachte an sein Leben in ‚Himmelspforten’, er dachte an Elena und Delphine, an den blöden Gerrit, er dachte an Bläcky und Roy, er dachte an den Krieg…Schreie, Lärm und Gestank, Rückzug aus Ostpreussen, das brennende Königsberg…er schaute zu Delphine, die ihn unverwandt anschaute. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Sein Sprachmodus schaltete um auf allertiefste Gruft. „Mein Geheimnis…“, röchelte er. „…Sie wollen mein Geheimnis wissen…ich werde Ihnen mein Geheimnis verraten.“

(Fortsetzung folgt)