Finden und klauen

Wer sich an die Aufgabe begibt, einen Garten zu gestalten, wird schnell mit der Tatsache konfrontiert, daß er oder sie dafür eine erhebliche Menge an Material benötigt – vor allem natürlich Pflanzen. Die pflegeleichten Steinwüsten, die sich steigender Beliebtheit erfreuen, ignoriere ich, ein Garten ohne Pflanzen ist genauso langweilig wie eine grüne Betonplatte.

 

Interessante Pflanzen zu beziehen ist ja heutzutage einfach. Abgesehen von den zahlreichen Baumärkten, die fast alle ein Standardangebot der beliebtesten Stauden und Obstgehölze führen, gibt es auch sehr gute, zum Teil spezialisierte Gärtnereien, die auch im Internet ihre Produkte präsentieren und zuverlässig liefern. Ach, ich könnte stundenland durch die Sortimente streunen und meiner Fantasie beim Gestalten freien Lauf lassen. Aber Pflanzen kosten erstens Geld, und zweitens habe ich den Ehrgeiz, sie selber zu ziehen. Eine schöne und einfache Methode, an Blumen zu kommen, ist sie sich schenken zu lassen. Wirklich, alle Gartenbesitzer sind stolz, wenn man ihnen gegenüber seiner Bewunderung der prächtigen Rabatten Ausdruck gibt, und meistens auch umgehend bereit, mit dem Spaten einen Ableger abzustechen. Ich habe schon oft mit wildfremden Menschen über die Zäune hinweg gefachsimpelt, Wissen ausgetauscht und geprahlt und dabei schon des öfteren einen Steckling oder ein kleines Pflänzchen ergattert.

Aus wild gesammeltem Saatgut gezogen: Bunter Hohlzahn

 

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, Ableger zu klauen, und auch das habe ich schon gelegentlich praktiziert, sowohl aus privaten wie auch aus Botanischen Gärten und Parks – aber immer so, daß die Mutterpflanze keinen abgerupften Eindruck machte und niemand einen Grund hatte, sich zu ärgern. Ja, ich weiß: wenn das jeder machen würde…macht aber nicht jeder, außerdem gilt für mich ´Geben ist seliger denn nehmen`, ich verteile also auch großzügig Ableger an Freunde und Verwandte. Manche winken schon ab, wenn ich mal wieder mit einer Kiste voller kleiner Blumentöpfchen anrücke, aus denen Rosen- ,Stachelbeer- und Bittersüßstecklinge lugen, weil sie der Meinung sind, keinen Platz mehr zu haben.

Außerdem sagte meine Schwiegermutter immer `Blumendieb hat Gott lieb`, und sie musste es schließlich wissen, denn sie war streng katholisch und genierte sich dennoch nicht, am hellichten Tag in der Nachbarschaft einen großen Strauß Flieder aus einer Hecke zu rupfen.

Neben den Pflanzen spielen Steine und auch Hölzer eine wichtige Rolle bei der Gestaltung eines Gartens. Hier gilt nun aber wirklich: nicht kaufen, sondern finden! Nun ja – in dem einen oder anderen Fall könnte man es auch als `beiseitefinden` bezeichnen. Steine liegen überall herum, und keiner will sie haben! Trotzdem ´gehören` sie natürlich irgend jemandem, und sei es der Stadt Bielefeld.

Natursteine und Pflastersteine im Wechsel in Schotter gelegt

Kalksteine und Sandsteine aus dem Teutoburger Wald, Granitfindlinge vom Acker,  Pflastersteine von Bielefelder Straßenbaustellen und Ortstein aus dem Münsterland bilden unseren bunten Gartenweg, zieren das Heidebeet, dienen als Untersatz für Blumentöpfe und türmen sich zu niedrigen Mäuerchen und Steinhäufchen auf. Jeder ist ein Unikat, hat seine Geschichte und sein Eigenleben, spaltet sich im Laufe der Zeit, setzt Moose oder Flechten an oder schützt ein kleines Biotop, welches sich unter ihm tummelt.

Etliche Schmuckstücke fanden in der Dunkelheit im Fahrradkörbchen den Weg in den Garten, man muß halt die Augen offen halten – gerade natürliche Pflastersteine waren eine zeitlang das bevorzugte Ziel meiner Begierde. Sie sind kindskopfgroß,sehen schön aus, sind unverwüstlich und lassen sich gut verlegen. Vier von ihnen passen in so ein Körbchen, und es ist empfehlenswert, lieber an 10 aufeinanderfolgenden Abenden eine kleine Menge beseite zu finden als sich einmal den Kofferraum vollzupacken und dabei erwischt zu werden. Wer zückt schon wegen 4 geklauter Steine sein Handy, um die Polizei zu rufen!

Die Wanderwege im Teutoburger Wald sind  auch ein schöner Fundort und bieten eine gewisse Farbenvielfalt, je nachdem, ob man auf einem Sandstein- oder Kalksteinrücken wandert. Fast weiß, grau, beige, braun und ocker – sie liegen liegen links und rechts des Weges und warten nur darauf – besonders in Parkplatznähe, denn Steine sind bekanntlich schwer – geborgen zu werden.

Der größte und schwerste Stein hat mich einen Fahrradgepäckträger gekostet. Er ist schwer, verdammt schwer, hat die Maße 40 x 30x 20cm und wiegt, gefühlt zumindest, 2 Zentner. Ich fand ihn auf dem Kriegstrümmerberg im Bielefelder Osten, dem sogenannten Monte Scherbolino. Mein Bemühen, ihn auf den Gepäckträger zu wuchten, führte mich nahe an meine körperlichen Grenzen, aber Besessenheit macht stark. Diesen Stein wollte ich haben, und zwar sofort. Auf die Idee, mir die Stelle zu merken und mit einem geeigneteren Transportmittel wiederzukommen, kam ich dummerweise nicht. Also kniff ich alles zusammen, was man üblicherweise unter körperlicher Anstrengung so zusammenkneifen kann, und stemmte ihn schließlich nach mehreren Anläufen, auf einem Fuß stehend, denn mit dem anderen Fuß drückte ich das vordere Ende des Fahrrads zu Boden, um es am Emporschnellen durch das Übergewicht an seinem hinteren Ende zu hindern, auf den Gepäckträger.

Das waren nun viele Wörter in einem Satz, aber eine umständliche Vorgehensweise erfordert manchmal eben auch eine umständliche Ausdrucksweise. Der Rest ist aber mit einfacheren Worten erzählt. An ein Fahren auf dem völlig überladenen Rad war natürlich nicht mehr zu denken. Ich schob es, mehr auf dem Lenker liegend als aufrecht gehend, um das Gewicht auszugleichen, und eierte, immer wieder den ängstlichen Blick auf meinen Monolithen werfend, auf dem Bürgersteig heimwärts. Zum Glück war es nicht weit. Doch schließlich, auf halbem Wege, ging ein Ruck durchs Rad, welches schlagartig stehen blieb. Die senkrechten Streben des Gepäckträgers waren eingeknickt und hatten der Masse nachgegeben, welche nun das Schutzblech auf den Reifen drückte und als zuverlässigste Bremse fungierte, die je ein Fahrrad besessen hatte.

Ich ließ den Stein auf den Bürgersteig krachen, schob ihn etwas zur Seite, um niemanden zu Fall zu bringen und richtete die Streben so weit, daß ich wieder fahren konnte. Den Stein konnte ich getrost eine Weile auf sich selbst aufpassen lassen, niemand würde ihn mitnehmen.

Der anschließende Abtransport im Bollerwagen gestaltete sich erfreulich einfach, so daß auch ´mein Monolith` endlich seinen Platz im Garten fand.

So auch die Hölzer, die aufrund ihrer Form zu schade waren, um im Kamin verheizt zu werden – sie bieten, wenn sie hohl sind, vorzügliche Nist- und Versteckmöglichkeiten für Vögel, Kleinsäuger und Insekten – an irgend eine Stelle des Gartens passen sie, fügen sich ein zwischen Stein und Staude, werden von Moos überwuchert und verotten dabei still und heimlich.

Auch bei den Hölzern gilt: die Augen offen halten. Sie liegen links und rechts des Weges und rufen ´Nimm mich mit!`

Ein hohler Kopf(haha) aus einer Platanenkrone

 Typische Besucher von hohlen Hölzern, wie auf obigem Bild zu sehen, können z. B. Mäuse, Spitzmäuse oder auch Zaunkönige sein.

Ein junger Igel im Garten

  Sie finden dort sowohl Nahrung als auch Deckung. Ebenso suchen Hummeln und Wespen die Hohlräume auf, da sie sich als Nistraum eignen.

Viele kleine Räume – meine Mutter würde Unordnung sagen, der Physiker nennt es Entropie – ergeben viele kleine Nischen, in denen sich das Leben austoben und ein Fest der Vielfalt feiern darf.

 

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