Sein letzter Gag (2. Kapitel)

Die Vorbereitungen für die große Show, diesmal in der Gruga-Halle in Essen, liefen auf Hochtouren, wieder einmal arbeitete sein Team wie ein Uhrwerk. Bernd Stein, sein langjähriger  Tourmanager, hatte alles im Griff, packte selbst mit an, wenn nötig, rastete aber auch komplett aus, wenn jemand sich blöd anstellte, und hatte nicht erst einmal einen Techniker oder einen Assisten achtkantig gefeuert, da reichte schon ein nichtiger Anlass. Mit anderen Worten: alle hatten höllischen Respekt vor ihm. Sein bester Mann, ohne Zeifel.

Er betrat die Bühne, die heute abend seine Welt sein würde, und er wäre der Mittelpunkt dieser Welt, die Sonne, um die sich alles drehen würde. Er grinste kurz bei dem Gedanken an dieses Bild, dann drehte er sich zur Großbildleinwand um und wurde seiner selbst gewahr, beziehungsweise seines übergroßen Abbildes. ER, Markus Jürgens, oder der Schöne Markus, wie man ihn auch nannte, prangte dort hoch über ihm. ‚Schade, man sieht sich nur von hinten’, dachte er, hob aber doch die Hand wie zum Gruß. Ja, die Bewegung war sicher, souverän und wohl dosiert, er würde sie anstacheln, alles aus ihnen heraus kitzeln, aus allen. Die Zuschauer im Saal und jene vor den Bildschirmen würden ihm zu Füßen liegen, die Musiker und die Technik würden wieder alles und noch mehr geben und die Kritiker würden sich mit ihren Lobeshymnen gegenseitig überbieten. Besonders die Senioren liebten ihn über alles, er holte die Stars von früher, erloschene Sterne und erkaltete Kometen, noch einmal zurück in’s Rampenlicht, vergessene Heroen, ergraut, senil und verstummt, noch einmal hell auf-flackernd, bevor sie endgültig in der Versenkung verschwanden. Jockel Vonderems war vor zwei Monaten auf der Bühne gestorben, hochdramatisch und super insziniert, wenn es nicht ein glücklicher Zufall gewesen wäre. Die ganze Nation hatte gebannt zugeschaut, als der Dicke, wie man ihn auch nannte, seinen letzten Witz riss, kein schlechter übrigens, hätte er nur nicht vor lauter Verwirrtheit die Pointe verrissen, sich dann plötzlich an die Brust griff, röchelnd die Augen verdrehte und filmreif zu Boden sank. Die folgende Aufregung im Saal und auf der Bühne, die hektischen Bemühungen der Ersthelfer, das ernste und würdevolle Kopfschütteln des natürlich zu spät eintreffenden Notarztes und schließlich die Aufbahrung, alles war perfekt im Timing. Während das schneeweiße Leichentuch langsam, Zentimeter für Zentimeter, über den massigen Körper des Verblichenen gezogen wurde und zum Schluß das blau angelaufene, bärtige Gesicht verhüllte, fand die Band die passenden Abschlußakkorde, dramatisch anschwellend, sich überschlagend, mit einem Donnerschlag endend. Das machte den ‚Bone Collectors’ so schnell keiner nach, dachte er.

Heute abend würden ‚Bläcky und Roy’ auftreten, die singenden Illusionisten, und Ina Meyer, die früher einmal wirklich attraktive Unterhaltungskünstlerin. Jahrelang hatte sie illustre Gäste in ihrer Show ‚Ina’s Abend’ life präsentiert, bis ihrem Gast Dieter Balken, einem bekannten Poptitanen, das Maleur mit der Durchfallattacke passierte und sie, ihrer Spontanität gemäß, Attacke auf Kacke reimte und in wieherndes Gelächter ausbrach. Dieter Balken war nicht der Mann, der mit wieherndem Gelächter souverän umgehen konnte, vor allem, wenn es ihm und seiner vollgeschissenen Hose galt. Er lies seine große Macht spielen, sprach am folgenden Tag in sauberer Hose mit dem Programmdirektor über einige sehr schmutzige und pikante Details aus dessen Sexualleben, die die Öffentlichkeit und vor allem seine Gemahlin sicherlich brennend interessieren würden, er aber bereit sei, für sich zu behalten, und am nächsten Tag war ‚Ina’s Abend’ abgesetzt, und zwar für immer.

Ein Schulterklopfen riss ihn aus seinen Gedanken. „Wir haben die Nummer“, frohlockte Bernd, „war sauschwer rauszukriegen!“ Markus Jürgens begriff nicht, und sein Gesicht schien das deutlich auszudrücken. „Mann, die Nummer von dem alten Knacker! Diesem Supershowmaster, als wir klein waren, hattest du doch selber, die Idee! Wie heißt er nochmal…Rudi…äh…Rudi Koralle!“ „Chapeau, Alter! Wo steckt der Typ denn?“  „Seniorenheim in Bielefeld mit echt programmatischem Namen, heißt ‚Himmelspforten’, hoffentlich hält er bis heut’ abend noch durch, hehe“. „Ja hoffentlich, der war früher ’ne echte Nummer. Wenn wir dem sein Lebensgeheimnis entreissen, toppt das alles, was wir bisher so hatten!“ Ja, darin war er gut. Er hatte noch jedem seiner senilen Opfer, die er life während der Show anrief, kleine und große Geheimnisse entlocken können, oft kurz bevor sie ihre Schnabeltasse abgaben. So manche Seite der Geschichtsbücher hatte aufgrund seines Gespürs schon umgeschrieben werden müssen. Die Show konnte beginnen.

 

(Fortsetzung folgt)

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