Sein letzter Gag (3. Kapitel)

„Herr Koralle! Hallo, ich bin’s!“ Der Delfin sprach mit hoher Stimme zu ihm, während er mit leichten Bewegungen seiner Fluke an ihm vorbei glitt. Sie schwebten nebeneinander durch das unendliche Blau, die Wellen hoch über ihnen formten das Sonnenlicht auf sanfte Weise, so dass es spielerisch auf ihren Leibern tanzte. Die Augen des Delfins strahlten freudig und intelligent, als er Rudi mit dem ewig lächelnden Schnabel vorsichtig an der Schulter berührte. „Herr Koralle, wie geht’s ihnen?“ Durch die Stille des Ozeans drangen Geräusche an sein Ohr, das Rauschen von Blättern, das Summen eines Insektes, das Klappern eines Teewagens. Das unendliche Blau entwischte seinen Sinnen wie ein Aal einer greifenden Hand und wurde durch ein vertrautes Eierschalenbeige ersetzt. Der Delfin lächelte ihn an, über ihm die Zimmerdecke, deren letzter Anstrich noch vor der Währungsumstellung erfolgt sein musste, wobei er sich nicht festlegen wollte, ob diese das Ende der D-Mark oder das der Reichsmark eingeläutet hatte.

Der Delfin, dessen Schnabel mittlerweile zu einer wohlgeformten Nase mutiert war, welche im Gesicht einer ausgesprochen hübschen jungen Frau stak, berührte ihn wieder sanft an der Schulter. „Sie haben geschlafen, Herr Koralle, ganz tief und fest. Elena hat in der Zwischenzeit ihr Zimmer inspiziert, und Sie haben nichts davon mitbekommen!“ „Ah, Delphine, sie sind’s. Ich habe von ihnen geträumt.“ Sie lachte hell, stand auf und räumte die Reste des Kuchens auf ein Tablett. Rudi beobachtete sie dabei und erfreute sich an ihrer Anmut, ihrer dunklen Haut und ihrer Perlschnurfrisur. Sie stammte aus Ghana, war in Bielefeld aufgewachsen und seiner Meinung nach die beste Altenpflegerin der Welt, gleich gefolgt von Elena, der Mutter der Station. Beide hatten keine Ahnung davon, dass er früher ein Star war, dem die Welt zu Füßen lag, sie respektierten ihn als Mensch, und er respektierte sie.

Das Klappern des Teewagens ging in ein kurzes Raddeldaddel über, als er von Elena über die Türschwelle geschoben wurde. „Gutten Abend, Cherrr Korralle! Chaben gutt geschlafen?  Abendessen! Cheute abend kucken Show? Wirr alle kucken Show!“ Delphine wich höflich etwas zurück, um dem breiten Teewagen und der noch breiteren Elena den Zugang zum Nachtschränkchen zu ermöglichen, ging um das Bett herum und half Rudi vorsichtig, sich aufzurichten und auf die Bettkante zu setzen. So nahm er seine Mahlzeiten am liebsten ein. Er war gebrechlich, aber sitzen ging noch ganz gut. Selbst einige Schritte mit dem Rollator gelangen ihm noch, ganz langsam zwar, aber er hatte Zeit, ganz viel Zeit. „ Rroter Tee mit Butterrbrrot, Lachs mit Meerrrettich, dazu Gurrkensalat, bitte schön, derr Cherrr!“ Sie wusste, dass er das Rollen des Rs in ihrer Muttersprache überaus liebte und übertrieb es manchmal ein wenig. Rudi lachte und sagte „Elena, ich glaube, Sie wählen mein Essen nach der Anzahl der Rs in den Wörtern aus. Wenn ich mal sterbe, dann an einer Vitamin-R-Vergiftung.“ „ Ach, Cherrr Korrralle, müssen gutt essen, dann nie werrden sterrben!“ Rudi lächelte fröhlich. „Unter Ihrer Obhut, Elena, ist alles möglich. Und unter Ihrer natürlich auch, Delphine! Ich würde heute abend gerne diese Show anschauen, von der alle sprechen. Wie heisst die noch?“ „Zauber des Alters“, antwortete Delphine. „Ich mag sie nicht, die ist so zynisch. Gerrit, ihr Lieblingspfleger“ flötete sie mit ironischem Unterton, „nennt die Show `Rollator-Ralley’. Auf dem Zweiten kommt eine Doku über den Krieg in Russland.Wäre das nichts für Sie?“ Er wusste, dass sie wusste, dass ihn die Kriegserlebnisse immer noch beschäftigten. Die blutigen Schlachten im Baltikum, in Ostpreussen und Berlin, die Greuel und das Elend der Sterbenden hatten tiefe Wunden in seine Seele gerissen, die nie endgültig verheilt waren. Zum Glück konnte er, im Gegensatz zu vielen anderen, über das Erlebte sprechen, unter anderem mit Elena. Er hatte wirklich großes Glück. „Heute abend will ich vom Krieg nichts wissen“, bestimmte er. „Heute gucken wir die Show!“

 

(Fortsetzung folgt)

 

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