Sein letzter Gag (5. Kapitel)

 

Rudi hatte sich im Bett aufgerichtet und es sich am Kopfende bequem gemacht. Delphine lachte, als sie das Zimmer betrat und ihn so sitzen sah. „Ich mach es ihnen bequemer, Herr Koralle. Wenn ich sie so sitzen lasse, falle ich durch die Praktische Prüfung!“ Während sie seinen Rücken mit großen Kissen, die auf dem Besuchersofa bereit lagen, polsterte, fiel ihm ein, dass sie noch Schülerin war, Altenpflegerschülerin, genau genommen. 19 Jahre war sie alt, hatte das ganze Leben noch vor sich und pflegte ihn, einen 92jährigen Greis, tatterig, faltig, grauhaarig. Wahrscheinlich roch er auch schon komisch, aber er  hatte nie erlebt, dass sie ihn respektlos behandelte. Sie sagte weder ‚Opa’ zu ihm noch duzte sie ihn. Ob sie ihm das Essen brachte oder seine Medikamente, ob sie sein Bett aufschüttelte oder ihm etwas vorlas, es geschah immer respektvoll, und sie würde ihm auch respektvoll den Hintern abwischen, wenn er dazu nicht noch selber in der Lage wäre. Auch war er glücklicherweise nicht dement, dessen war er sich zumindest ziemlich sicher.

Elenas laute Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Cherr Korrralle, wollen kucken Show? Hat gerrade angefangen in Ferrnsehsaal!“ „Ah, danke, Elena, lieb von Ihnen. Ich würde lieber hier in meinem Zimmer fernsehen. Delphine, wären sie so nett…?“ Sie reichte ihm die Fernbedienung. Er zappte fix durch seine Lieblingskanäle, Wetter nach der Tagesschau im Ersten, irgendeine Politiker-Laberrunde im Zweiten, rollende Panzer in Schwarzweiß im Dokukanal, Werbung, Werbung, scheiß Werbung, ah, die Show!“

Ina Meyers Auftritt verlief glänzend. Markus Jürgens wusste nicht recht, ob ihn das freuen oder ärgern sollte, schließlich erwarteten seine Fans, dass zumindest ein Teil der Show in nicht vorhergesehenen Bahnen verlief und seine Gäste sich bis auf die Knochen blamierten. Schließlich wollte man am folgenden Tag in der Schule, auf der Arbeit und sonstwo mitreden können und sich gegenseitig beim Parodieren der Peinlichkeiten überbieten.

Ina Meyer tat ihnen diesen Gefallen nicht. Sie war nüchtern, überraschend dezent geschminkt, wohllaunig und sehr gut bei Stimme. Hatte sie eine ihrer zahlreichen Therapien doch noch erfolgreich abgeschlossen? Oder stimmten die Gerüchte, der plötzliche Herztod eines gewissen Fernsehmachers in hoher Position habe etwas mit ihrem Wandel zu tun?

„ Die war gut, erstklassig“, meinte Rudi anerkennend, als die strahlende Ina die Bühne verlassen hatte, zu Delphine, die sich auf seine Bitte hin auf dem Sofa niedergelassen hatte. „Die Show gefällt mir!“ „Hm, warten wir’s ab“, murmelte Delphine. „ Ich hab’ die schon öfter geseh’n, da kommt bestimmt noch was.. .“

Markus Jürgens überbrückte den Übergang zum nächsten Werbeblock leidlich. Die Meyer hatte ihm die Show gestohlen! Er hatte seinen perfiden Humor nicht ausspielen können und drohte, auf das Normalniveau der langweiligen Kollegenbande zu sinken. Er trank einen Schluck Wasser. Als nächstes kämen Bläcky und Roy, jetzt würde er die Sau rauslassen, die wären ja quasi wehrlos.

Rudi traute seinen Augen nicht. Der von Roy im Rollstuhl auf die Bühne gefahrene Bläcky war offensichtlich sediert und starrte, stocksteif sitzend, mit offenem Mund in die Leere des Publikums, welches die beiden Berühmtheiten mit artigem Applaus begrüßt hatte. „Die haben ihn sogar fixiert, damit er nicht aus dem Stuhl fällt“, flüsterte er, „die Schweine.“ Delphine nickte traurig und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Die Leute haben sogar Spaß daran“, bemerkte Rudi fassungslos und konnte seinen Blick nicht abwenden, als Roy schließlich mit gebrochener Stimme einen ihrer bekannten Schlager zum Besten gab, während Bläcky vergeblich bemüht war, mit seinen kraftlosen Händen dazu den Takt zu schlagen, mit leerem Blick und maskenhaftem Gesicht. Die anschließende Zaubernummer geriet vollends zum Desaster, weil Roy die bunten Bänder im Zeitlupentempo und für jeden sichtbar aus der Westentasche fischte, obwohl sie doch eigentlich wie aus dem Nichts in einem Zylinder, mit dem er unbeholfen hantierte, hätten erscheinen sollen.

„Warum lassen die sich so verarschen“, fragte Rudi entsetzt. „Ich nehme an, sie brauchen das Geld, Wahrscheinlich sind sie einfach nur arm. Früher reich und berühmt, heute arm“, entgegnete Delphine. Rudi nickte. „Was kommt als nächstes?“

Markus Jürgens beantwortete seine Frage prompt. Bläcky und Roy hatten unter höflichem Applaus die Bühne verlassen, Markus ließ sich in Blitzgewittern feiern und kündigte den Top-Act des Abends an.

„Verehrtes Publikum, meine Damen, meine Herren, liebe Kinder, während Bläcky und Roy sich von den Anstrengungen des Abends erholen…“ Gelächter hob im Saal an…“stellt mein Assistent Bernd Stein, Applaus für Bernd Stein, die telefonische Verbindung zu unserem Star vergangener Tage her.“ Höflicher Applaus ergoß sich über den kurz auf den Monitoren aufflimmernden Tourmanager, der offensichtlich mit irgendwelchen Kommunikationsgeräten hantierte, während er völlig überflüssigerweise, nur für die Show, einen Kopfhörer trug. „Bernd Stein, wir rufen Bernd Stein! Bernd, wie sieht’s aus?“ Eine Stimme wie vom Mond antwortete:“Wir arbeiten daran. Verbindung steht in wenigen Sekunden…!“

„Fein, dann gedulden wir uns noch ein wenig“, leierte Markus Jürgens. „Wir sehen uns wieder nach der Werbung.“

Rudi griff zur Fernbedienung. „Ich bin’s leid, das ist ja ekelhaft.“ Nie hatte er in seiner Show seine Gäste der Lächerlichkeit preis gegeben. Er war hartnäckig gewesen, hatte gebohrt und spitze Fragen gestellt, aber nie hatte er jemanden entblößt. Seine Finger zappten wahllos durch die Programme, bis ihm das Gerät entglitt und es auf den Boden fiel. Auf dem Bildschirm erschien ein Soldat mit einer roten Fahne. Er kannte diese Szene, jeder kannte sie, in der ein Rotarmist die Fahne der Sowjetunion auf dem zerbombten Reichstag hisste. In diesem Moment klingelte das Telefon.

Rudi schaute irritiert um sich, weil er das Geräusch seit Jahren nicht gehört hatte und es nicht zuordnen konnte. Delphine lachte. „Das Telefon! Das Telefon klingelt, Herr Koralle!“ Rudi starrte den Apparat verblüfft an. Wer könnte ihn anrufen wollen? Familie hatte er keine, seine Freunde waren alle tot. Er zögerte, während das Schrillen die Stille zerriss. „Wollen Sie nicht rangehen, Herr Koralle?“ Langsam streckte er den Arm aus, verharrte einen Moment, holte tief Luft und sprach: “Hier Koralle. Wer spricht dort?“

„ Schönen guten Abend, Herr Koralle. Hier Stein, Bernd Stein! Wir freuen uns, Sie als Gast in unserer berühmten Show ‚Zauber des Alters’ begrüßen zu dürfen.“

(Fortsetzung folgt)

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