Biopiercing(überarbeitet)

Neue Trends kommen und gehen, und es gibt wohl nur wenig peinlicheres, als einem Trend zu lange anzuhängen oder sich ihm zu spät anzuschließen. Wer heute noch ein Arschgeweih zeigt oder etwa Ohrlöcher, in denen Nymphensittiche turnen könnten, setzt sich leichtfertig dem Verdacht aus, 20 Jahre seines Lebens komatös verschlafen zu haben. Auch Tattoos und Piercings hängt mittlerweile der Charme des Biedermeiers an, ihre Träger werden bisweilen schon als Ewiggestrige bezeichnet.                                                                                       Also: ein neuer Trend muss her, einer, den es wirklich noch nicht gab, kein Abklatsch von Vergangenem! Biopiercing ist das Stichwort und schwer im Kommen, noch sind es wenige, die Avantgarde, die sich dieser ungewöhnlichen und heiklen Leidenschaft hingeben, der Verschönerung des eigenen Leibes mit lebenden Organismen, genauer gesagt: Schmuckzecken.                                                                                                                      Nein, es geht hier nicht um die Wald- und Wiesenzecke, um den Gemeinen Holzbock, wie sie auch genannt wird, sondern um die unübersehbare Vielzahl subtropischer und tropischer Zecken, oft sehr bunt und von z. T. beachtlicher bis hin zu erschreckender Größe. Nichts für Weicheier – die tragen Tattoos – sondern für wirklich harte Frauen und Männer.                                                                                                                           Der Handel mit den zarten Tierchen läuft gerade an, die Preise sind horrende, geliefert werden sie in kleinen Glasphiolen. Diese werden entkorkt und sofort mit der Öffnung auf die auserwählte Körperstelle gedrückt, bis der hungrige Achtbeiner diese in Ermangelung von Bewegungsfreiheit akzeptiert hat und seinen Stechrüssel ansetzt, um mit dem mehrtägigen Mahl zu beginnen. Nach ausreichender Sättigung und Anschwellen auf ein Vielfaches der ursprünglichen Körpergröße – der Maximaldurchmesser beträgt bei einigen Arten 5 cm – kommen die leuchtenden Farben, die Muster und Streifen, die Behaarung und die wurmfortsatzähnlichen Anhängsel wunderbar zur Geltung. Werden wir ihrer überdrüssig, können die possierlichen Gesellen in gesättigtem Zustand leicht unter Zuhilfenahme der mitgelieferten Zeckenzange, welche durchaus, je nach Art, die Größe einer Kombizange erreichen kann, wieder entfernt werden. Nach mehrmonatigem Fasten in einem Marmeladenglas oder ähnlichem sind sie erneut bereit, unsere Körper an den von uns erwählten Stellen zu schmücken. Dadurch lernen wir sie und sie uns immer besser kennen, so daß nach einigen Zyklen ein inniges Verhältnis zwischen Tier und Mensch erwächst.

Die beliebteste Art ist zur Zeit der Afrikanische Büffelbock, schwarz, haarig, gewaltig, er zählt zu den ‚Big five’ unter den Schmuckzecken und wird gerne im Nacken und am Hals getragen, gut sichtbar, auch im Umfeld der Brustwarzen fühlt er sich wohl.                                                                Die Zebrazecke trägt ihren Namen aufgrund ihrer Zeichnung, nicht etwa, weil sie auf dem gleichnamigen Huftier zu hause wäre. Da Streifen bekanntlich schlank machen, wird sie gerne von adipösen Menschen getragen. Außerdem schützt sie, in Massen getragen, vor dem gefürchteten Biß der Tsetse-Fliege.                                                                            Intellektuelle bevorzugen die eher zierliche, aber gut sichtbar und paarweise an der Stirn getragenen Geheimratszecken.                                                                                                                     Der Australische Beutelbock besiedelt ursprünglich die Innenseite der Beutel weiblicher Kängurus, lässt sich aber auch problemlos in Bereichen des menschlichen Körpers ansiedeln, an denen es dauerhaft feucht und warm ist, unter anderem unter den Achseln. Er wird von Männern favorisiert.

Das Tragen von Schmuck-Zecken bietet also eine große Vielfalt in Form und Farbe, die den Möglichkeiten herkömmlichen Körperschmucks in nichts nachsteht, zumal einige Arten wie die Chinesische Schamzecke, der Kamasutrazwicker und die Gepanzerte Nashornzecke erst am Beginn ihres mutmaßlich kometenhaften Popularitätsanstieges stehen. Der Begriff ’sich stechen lassen‘ wird in Zukunft ganz sicher einen Bedeutungswandel erfahren!

2 Gedanken zu “Biopiercing(überarbeitet)

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