Ein Unglück kommt selten allein

Das Wochenende sollte schön werden, hatte er beschlossen, ganz besonders schön sogar, und er hatte alles dafür getan, dass es sich seinen Vorstellungen gemäß entwickeln würde. Er hatte die Wohnung blitzblank gewienert, hatte die Fenster geputzt, Badezimmer und WC in einen sterilen Reinraum verwandelt und das Bett aus einem Gefühl hoffnungsfroher Erwartung heraus frisch bezogen. Und er hatte sie eingeladen, sie, die seinem Werben so lange widerstanden hatte, ihn hingehalten und zappeln gelassen hatte.

Nun hatte sie seine Einladung zum Abendessen angenommen, und ein kurzer Moment ihres Blickes schenkte ihm die Gewissheit, dass ihr nicht nur die Gaumenfreuden am Herzen lagen.

In einer halben Stunde würde sie die Türklingel betätigen, er, leger, in sportlichem Chic, frisch rasiert und geduscht, würde ihr öffnen, langsam, mit einem Lächeln im Gesicht. Schelmisch wie Terence Hill vielleicht, oder eher jungenhaft und offen wie Warren Beatty in ‚Bonnie and Clyde‘? Oder eher väterlich schmunzelnd wie Sean Connery in seinen späten Jahren? Er entschied sich für Warren Beatty, während er einen prüfenden Blick über das Buffee schweifen ließ, alles von eigener Hand zubereitet, über die Kerzen, die halb geöffneten Rosenblüten, die bereit liegenden CDs. Kuschelrock 1 bis 6, Concerto de Aranjuez, Bolero, das sollte reichen. Er riss sich los, ein letzter Kontrollgang durch die Wohnung konnte nicht schaden.

Er eilte die Treppe hinauf und passierte gerade die WC-Tür, als ihm ein harmloses, aber deutlich olfaktorisch und akustisch wahrnehmbares Lüftchen entfuhr. ‚Ogottogot‘, schoss es ihm durch den Kopf, das passte gerade gar nicht, und 10 Sekunden später saß er auf der Klobrille.

Er ließ sich Zeit. Es rumpelte in seinem Bauch, dort war so einiges im Gange. ‚Lampenfieber‘, dachte er, oder war der Grund für sein Darmgedräue in den ausgiebigen Mahlzeiten der vergangenen 2 Tage zu finden? Was hatte er geschlemmt, nur vom Feinsten, hatte probiert, experimentiert, verworfen, aber alles gegessen. Nun saß er und schaute auf die Uhr. Noch 20 Minuten, er würde lüften müssen, aber hallo! Der war ja nicht von schlechten Eltern, 3 Pfund ohne Knochen, wie man so schön sagt. Und immer noch nicht fertig! Schließlich, noch blieben ihm 12 Minuten, wenn sie pünktlich sein würde, war er sich halbwegs sicher, alle geschäftlichen Dinge erledigt zu haben. Er stand auf, die Hose noch herunter gelassen, und warf einen, wie er glaubte, letzten Blick auf das Ergebnis seiner Mühen. ‚Bye bye, brauner Brei‘ murmelte er und betätigte die Spülung.

Ein verstopftes Klo ist kein schöner Anblick und kein Grund zur Freude. Es nervt. Auch ihm ging es gehörig auf den Sack, ausgerechnet jetzt, noch 6 Minuten…wo war noch mal Proppen zum Drücken? Hatte er in den Keller gestellt, wegen der Optik, na super. Ungeduldig betätigte er ein weiteres mal die Spülung.

Ein verstopftes Klo ist kein schöner Anblick, wie gesagt. Und es wird auch nicht schöner, wenn es überläuft. Seine Augen starrten fassungslos auf den Inhalt des Beckens. Die Oberfläche näherte sich gefährlich dem Rand. Er hämmerte auf den Spülknopf. Defekt! ‚Der Proppen‘, schoss es ihm durch den Kopf. Sein Versuch, im sportlichem Sprint in den Keller zu eilen, endete nach 2 Metern, zum Glück, bevor er die Treppe erreichte. Er war über die heruntergelassene Hose gestolpert. Fluchend raffte er sich auf, eilte hinunter, fand den Proppen und stürzte wie ein gehetztes Wild treppauf, als gerade der Beckeninhalt den Rand erreichte und überfloss. Hektisch begann er, in der Abflussöffnung zu stochern. Er stieß und zog und stieß und zog, bis sich schließlich das Gummiteil vom Holzstiel löste und stecken blieb. Entgeistert starrte er auf den Knüppel in seiner Hand, während die braune Brühe seine weißen Nikes erreichte. ‚Scheisse, der Haupthahn‘, durchfuhr es ihn. Wieder runter in den Keller, wo ist der Haupthahn, wo ist das Scheissding, da, das Rohr hinter der Truhe, wo es rauscht, der ganze Müll, wo kommt der ganze Müll her,,,da, da ist er, drehen, anders herum, ja, so, aus, endlich!

Er holte tief Luft. Geschafft. Nein, verdammt, das WC! Er rannte die Kellertreppe hinauf ins Erdgeschoss. Ein widerwärtiger Gestank schlug ihm entgegen. Verzweifelt schaute er im Treppenhaus nach oben, die Flüssigkeit hatte den Weg über den Fussboden bis zum Rand der Treppe gefunden und tropfte von oben herab. Die Türglocke erklang.

7 Gedanken zu “Ein Unglück kommt selten allein

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