Gebet

Schwarze Macht, oh Königin,

ich drifte langsam zu dir hin.

Hast mir die Krone aufgesetzt,

mit deinem Feuer mich entsetzt,

das tief in meiner Lunge glüht,

verzweifelt und um Luft bemüht.

Mein Gewand aus Stolz zerrissen,

lieg ich nackt und ohne Kissen.

Greifen mich mit ihren Händen.

‚Achtung..fertig..einmal wenden‘

Nur ein Schlauch hält mich am Leben.

Hab mich in deine Hand begeben,

oh, kalte schwarze Königin.

Ein letzter Hauch…nun nimm mich hin.

Besinnungslos

Ich habe das große Los gezogen…ich nenne es das Besinnungslos. Obwohl ich tagsüber in der Apotheke zusammen mit meinen Kolleginnen von dem Ansturm der Impfdigitalisierungen und dem Andrang an unserer Teststelle zerrieben werde, natürlich parallel zum normalen vorweihnachtlichen Apothekenbetrieb, gewinne ich gerade sehr viel Zeit für mich, die ich zur Besinnung nutzen kann. Der Chor hat die Proben eingestellt, unser Familienfest am kommenden Wochenende haben wir abgesagt, die Weihnachtsfeier der Apotheke und ein Freundestreffen wurden auf unbestimmte Zeit verschoben.

Was macht man mit so viel Zeit? Wie gesagt, ich kann sie zur Besinnung nutzen. Nicht auf Religiöses, gestehe ich, obwohl ja gerade das mir als gebürtigen Münsterländer, Coesfelder gar, in die Gene eingebrannt ist. DU BIST KATHOLISCH steht dort geschrieben, trotz doppelter Impfung die einzige Genmanipulation, die mir bisher widerfahren ist. Aber auch Münsterländer können halsstarrige Geschöpfe sein und sich althergebrachtem widersetzen. Mit meinem Katholizismus ist es nicht weit her, bin deswegen aber noch lange nicht besinnungslos. Sich zu besinnen fordert Zeit, und man muss es zulassen. Das können kurze Momente oder lange Stunden sein, ich habe beides schon erlebt. Stille und Kerzenschein jetzt im Advent tun bei mir vielleicht ein übriges, und dann beginnen Worte, Bilder, Gedanken und Gefühle vorbei zu huschen, zu verweilen, zu erstarren oder zu verblassen. Weniger philosophisches Geschwurbel, eher Handfestes. Dankbarkeit für die Solidarität unser beider Familien, für Freundschaft, für ein Lächeln auf dem Weg zur Arbeit und die Gänseblümchen, die unerschütterlich bei noch so koddrigem Wetter blühen. Aber auch Gesichter, denen ich gelegentlich zu gerne einen fäustlichen Stempel aufdrücken möchte, weil sie das Röcheln der Erstickenden nicht hören wollen, tauchen auf. Ich tu es nicht, keine Angst, aber auch die Wut darf ihren Raum beanspruchen, dann aber bitte die Fresse halten. Sie behindert mich auf die Besinnung dessen, was ich hatte und was ich habe. Und das ist so unendlich viel!

Besinnliche Grüße an Euch alle!

Martin

Was wäre, wenn…

…die Pandemie vor 20 Jahren ausgebrochen wäre? Es hätte wahrscheinlich kein Impfstoff entwickelt werden können, jedenfalls nicht so schnell wie jetzt. Die Zahl der Toten wäre vielleicht 10 mal höher, als sie es jetzt schon ist. Man mag es sich nicht vorstellen.

Vorsichtige Relativierung

Jeder von uns betrachtet diese Zeit mit anderen Augen. Kontrolle, Einschränkungen, Verzicht, Krankheit und Tod…den ein einen belastet dieses, den anderen jenes mehr. Jeder hat seine persönlichen Gründe und Tragweiten. Klar ist: die meisten fühlen sich im Moment schlechter als vor 2 Jahren. Und jetzt kommt die vorsichtige Relativierung oder auch polemische Frage: was würde meine Oma wohl sagen, würde sie noch leben? Geboren 1903, erlebte sie den ersten Weltkrieg, die spanische Grippe, die Wirtschaftskrise, die Nazis, den zweiten Weltkrieg, den Tod des ältesten Sohnes, die Zerstörung ihrer Heimatstadt, die Hungerjahre nach dem Krieg, zehn Geburten und den frühen Tod meines Opas. Sie hat von früh bis spät gearbeitet, nicht geraucht und nicht gesoffen, immer erst gegessen, wenn die Kinder satt waren, und nie geklagt, so die Überlieferung. Sie starb mit 97 Jahren.

Ich denke, sie würde sagen:’Hör auf zu jammern. Bisse schon geimpft?‘

Etwas passendes

Ihr seid jung und gesund, euch kann nichts passieren.

Ihr verfügt über ein stabiles Immunsystem.

Ihr fürchtet euch vor der Impfung.

Ihr wartet auf neue Studien.

Ihr kennt niemanden, der an Covid erkrankt ist.

Die, die gestorben sind, wären sowieso bald fällig gewesen.

Ihr habt Angst um eure Gene.

Warum ich, die anderen lassen sich ja schon impfen.

Die Statistiken sind erlogen.

Ihr seid Widerstandskämpfer.

Alles Propaganda.

Die Lügenpresse ist fremdgesteuert.

Die Geimpften wurden verführt.

Gott wird euch schützen.

Bestimmt ist für jeden von euch etwas passendes dabei.

Sankt Martin

Ich wiederhole mich, das weiß ich wohl. Dieses Gedicht gab es hier vor einem Jahr schon einmal zu lesen. Da es aber an Aktualität nichts verloren hat, hier noch einmal:

Sankt Martin

Unlängst, zu Coronazeiten,

sah man den St. Martin reiten,

wie von Ort zu Ort er eilte

und mit jedem alles teilte.

°

In Bielefeld, am Straßenrand,

im schönen Ostwestfalenland,

saß ein Bettler, nackt und bloß,

und nicht nur das, auch maskenlos.

°

„Ich seh’s“ sprach Martin, „bist in Not.

Willst du ein halbes Butterbrot?

Oder, denn der Frost ist nah,

mein halbes Cape, von C&A?“

°

„Reich mir die Maske, guter Mann,

auf daß ich mich bedecken kann.

Lieber einen kalten Hintern

als mit Corona überwintern!“

°

Sankt Martin sah wohl die Gefahr,

da er nicht mehr der jüngste war.

Der arme Bettler pfiff jedoch

schon aus dem allerletzten Loch.

°

St. Martin teilt‘ mit Schwertes Schneide

die Maske und sagt’ „Reicht für beide.“

Er half dem Bettler in der Not.

Schade, jetzt sind beide tot.

Angst

Angst haben…ganz normal…kennt jeder.

Angst vor der Höhe…steig auf die erste Sprosse…geht doch, denkst du…geht noch eine?…sei ein Kind, probier es aus…

Angst vor Publikum…du singst im Chor…zum ersten mal…ganz leise…GANZ HINTEN…tosender Applaus…auch für dich…geht auch vorne, erste Reihe?…und jetzt mit einem Lächeln, auswendig…das Publikum schaut dich an…hängt an deinen Lippen…du leuchtest von innen…“Freiwiliger für Solo!“…deine Hand schießt nach oben…

Angst haben ist menschlich. Sie zu überwinden, fühlt sich grandios an.