Was schreib ich bloß?

 

Nachdem ich schon mindestens 2 Tage nichts mehr veröffentlicht habe und mir gerade überhaupt kein Gedicht einfallen mag, muss ich wohl, wie so viele andere, Schmetterlingsbilder posten. Natürlich freue ich mich über eure tollen Fotos und Berichte. Aber ein kleines bisschen möchte ich mich ja schon absetzen, zugegeben. Also zeige ich euch nur Bilder einiger Schmetterlinge, die alle auf der gleichen Pflanze abgelichtet wurden, und zwar nicht auf dem wirklich spektakulären Sommerflieder, sondern auf einer einheimischen Pflanze, dem Wasserdost. Die Bilder verdeutlichen ein wenig, wie wichtig einheimische Pflanzen für unsere Insekten sein können. Ein Exemplar dieser Pflanze gedeiht auch in unserem Garten. Das Titelbild zeigt keinen Schmetterling, sondern einen grübelnden Blogger.

Zitronenfalter, nicht auf dem Dost, aber nahe daran. Das müsst ihr mir jetzt einfach glauben!

Ein Kleiner Fuchs

Ein Distelfalter

Ein Pfauenauge

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Ein kleines Leckermaul

Diese Fotos gelangen mir im August 2013. Der Bläuling hatte im Außenbereich eines Cafes den Zuckerspender für sich entdeckt. Die Tatsache, dass er sich nach gelegentlichem Aufscheuchen jedesmal sofort wieder auf diesem nieder lies, lässt vermuten, dass er ein wahres Leckermaul war und außerdem über eine Art Gedächtnis verfügte.

Oh Drosophila

Wenn Sonnenstrahlen sie erwärmen,

die gerne über Fallobst schwärmen

und tanzen über Komposthaufen,

um den Rand des Weinglas‘ laufen,

rufen alle, fern und nah:

‚Drosophila – der Herbst ist da!‘

 

 

Verheerende Urlaubserfahrung

Bekanntlich gibt es auch heute noch sehr schöne Urlaubsziele. Sie bleiben so lange sehr schön, bis sie überrannt, zugebaut, verkitscht oder sonstwie zerstört werden. Damit diese unerfreulichen Eingriffe des Menschen der in den letzten 10 Tage von mir aufgesuchten Region nicht widerfahren, werde ich nun alles aufzählen, das mir einfällt, was andere Menschen davon abhalten könnte, diese erschreckend zauberhafte Landschaft ebenfalls kennen lernen zu wollen. Es handelt sich um die Alpen, dieses abweisende und gefährliche Massiv zwischen Bodensee und Gardasee, genauer gesagt, den E5, ein erschütternd schöner Wanderweg, welcher dieses drohende Gebirge aus Fels und Stein durchwindet und überschreitet. Wir begingen ihn von Kempten bis Meran, kreuzten 2 Landesgrenzen und sammelten reichlich Höhenmeter. Wir folgten finsteren Schluchten und rasenden Bächlein, überschritten herzzerreißend schöne Almen voller Blumen von aufdringlicher Schönheit und wurden vom Gletschereis geblendet. Tödliche UV-Strahlung durchbohrte unseren 50+-Schutz, nur an einem Tag gelang es eisigem Nieselregen nicht, unsere Kleidung zu durchdringen. Eine fremdartige Tierwelt bedrohte uns während des gesamten anstrengenden und kräftezehrenden Marsches. Eine Kreuzotter versuchte, durch eilige Flucht Harmlosigkeit vorzutäuschen, Murmeltiere bemühten sich, uns durch lautes Pfeifen vom Weg abzubringen, ein Steinbock stand, einem bösen Omen gleich, auf einem Felsen auf der anderen Seite der tiefen Schlucht, und ein hoch über uns dräuender Steinadler beäugte uns misstrauisch und schien jeden Moment auf uns nieder stoßen zu wollen. Aufdringlich-freundliche Hüttenwirte empfingen uns mit Speisen und Getränken, deren Menge und Qualität die Gaben der Circe an Odysseus, mit denen sie ihn zum Verbleiben auf ihrer Insel verführte, in den Schatten stellten. Schnell wurden wir vom Virus der Entspannung und der Freude befallen, doch unsere unerbittliche Reiseleiterin kannte keine Gnade, sie hetzte uns sachten Schrittes von einem erschaudernd schönen Berg auf den nächsten, willig unterstützt von ihrem Assistenten, welcher vorgab, als ‚letzter Mann‘ der Kolonne dafür zu sorgen, dass niemand verloren ginge. Niemandem gelang es, sich heimlich in die Büsche zu schlagen, und so gelangten wir alle wider Erwarten nach Meran, wo unsere Reise ein glückliches Ende fand.

Und jetzt mal ernsthaft und in einem Satz: es war ein wundervoller Urlaub!

Herzliche Grüße an euch alle!

Martin

Martin wundert sich,…

…wer fast jeden 2. Tag aus den USA seinen Blog besucht und meistens einen uralten Beitrag liest. Ich kenne dort niemanden und bekomme auch nie einen Kommentar wie z. B. ‚Hey, that’s great. man!‘ oder ‚Hey, what bullshit ist that!?‘ Wer könnte das sein? Die CIA?

Liebe Grüße in die Runde

Madddin

Sein letzter Gag (7. und letztes Kapitel)

In der Gruga-Halle herrschte eine Stille, die man nicht erwarten würde, wenn 10371 Menschen zuzüglich eines Showmasters vom Format Markus Jürgens’ anwesend sind. Man hätte sie Totenstille nennen können und eine Stecknadel hinter der allerletzten Reihe fallen hören können, wenn nicht deutlich das gleichmäßige, leicht röchelnde Atmen eines alten Mannes aus den Lautsprechern zu vernehmen gewesen wäre. Kein Stuhl knarrte, kein Hüsteln erklang, niemand wagte zu flüstern. Rudi Koralle lies sich Zeit. Seine Konterfeis huschten stumm über die Großbildleinwand, wie er im Fernseher beobachten konnte. Er schaute zur Tür. Elena und die gesamte Nachtschicht des Hauses ‚Himmelspforte’ sowie die meisten gehtüchtigen Bewohner drängten sich dort und auf dem Flur. Stummes Staunen hatte sie erfasst. Rudi überlegte. Er hatte ein Geheimnis versprochen, er würde ihnen eines bieten. Nur welches? „Hmm…“ Er zählte still und langsam von 10 abwärts, er würde sie zappeln lassen, gutes Timing war alles. Er würde ihnen das Blaue vom Himmel lügen. Die Zeit schien still zu stehen, in seinem Zimmer, in der Gruga-Halle, vor Millionen Bildschirmen im ganzen Land. Die Nation hielt den Atem an.

Als Rudi bei 5 ankam, wußte er, welche Geschichte er ihnen auftischen würde, und als er bei 2 ankam, hielt Markus Jürgens es nicht mehr aus. „Herr Koralle“, stieß er hervor und verlor zum ersten mal in seiner Show die Kontrolle. „Das Geheimnis! Wie lautet das Geheimnis?“ Schweiß glänzte auf seiner Stirn, ein unverzeihlicher Fauxpas. Rudi beobachtete es mit Genugtuung. ‚Showdown’, dachte er, ‚dick auftragen, fett nachlegen, auf die Kacke hauen, dann glauben sie dir alles.’ „Es war damals“, röchelte es tief aus seiner Brust, „April 45“. Hoffentlich würde er diese Stimmlage bis zum Ende seiner Darbietung durchhalten. „Ja…es muss April gewesen sein. 11 Lastwagen voll…kaum Sprit…nur nachts gefahren, wegen der Tiefflieger…ach, schrecklich…“ Er überlegte, wog Details ab, sortierte Reihenfolgen, nuancierte Stimmungen. Was für ein Spaß! „…erreichten Bielefeld im Morgengrauen. Alles ging gut.“ „Was ging gut, Herr Koralle“, entfuhr es Markus Jürgens, der nicht mehr an sich halten konnte und sich den Schweiß von der Stirn wischte. „ Wir haben alles versteckt, gut versteckt, den ganzen Schatz…11 Lastwagen.“ „Einen Schatz? Mein Gott, Herr Koralle, um was für einen Schatz handelte es sich denn? Herr Koralle hat einen Schatz vergraben, hahaha, vielleicht eine Kiste mit Goldstücken?“ „Keine Goldstücke.“ Er sah im Gesicht des Showmasters Zweifel an dessen eigenen Zweifeln, und er sah in den Gesichtern des Publikums, dass er die Leute schon fast überzeugt hatte. Jetzt hieß es, auf’s Ganze zu gehen. „Keine Goldstücke“, wiederholte er, „11 Lastwagen…es ist…es handelt sich…es handelt sich um das…Bernstein-Zimmer.“

Den Anwesenden in Rudis Zimmer gefror für einen Moment vor Überraschung die Mimik, dann presste jeder die eigenen Hände oder irgendwelche schnell erreichbaren Kissen, Decken oder Vorhänge vors Gesicht, um nicht lautschreiend losprusten zu müssen. Delphine vollführte ein Tänzchen und war kurz davor, sich einzunässen. Nur Gerrit stand still, verstand nicht und starrte konsterniert auf den alten Mann, der wildfuchtelnd versuchte, die Rasselbande zu beruhigen, um sich dann wieder dem Bildschirm zuzuwenden.

In der Gruga-Halle hatte ein rasch anschwellendes Gemurmel angehoben, gegen das Markus Jürgens nur aufgrund seiner kräftigen Stimme und unter Einsatz der allermodernsten zur Verfügung stehendenVerstärkertechnik ankam. Bernd Stein, der gerade auf dem Parkplatz eine geraucht hatte, kam gerade rechtzeitig zurück in’s Studio, um den Tumult zu bemerken und die Stimme seines Chefs einige Dezibel höher zu regeln. Dieser erlangte mit der gesteigerten Stimmeskraft auch endlich seine Fassung zurück und rief. „Herr Koralle, das Bernsteinzimmer? Meinen Sie DAS Bernsteinzimmer?“ „DAS Bernsteinzimmer“, echote Rudi, und nach einer Pause „…befindet sich in Bielefeld.“ Millionen Wohnzimmergespräche verstummten, Millionen Fernsehgeräte wurden lauter gestellt, Millionen Oberkörper, welche gerade noch schlaff in Sesseln gehangen hatten, wurden vorgebeugt, um auch wirklich die allerfeinste Nuance dieser unglaublichen Mitteilung zu erfahren. Das Bernsteinzimmer…jeder hatte davon gehört, seit Jahrzehnten verschollen in den Wirren des Krieges, gestohlen, verbrannt? Niemand wusste nichts genaues, Theorien wurden gehandelt, viele suchten es in alten Stollen, in Bunkern, alles vergeblich, es blieb unauffindbar. Und nun erzählte dieser alte Mann, es habe die ganze Zeit in Bielefeld gelegen, irgendwo verbuddelt.

„Herr Koralle, das ist ja ein ungeheures Geheimnis, das sie da preisgeben!“ Markus Jürgens mußte fast brüllen, um gegen das aufgeregte Geschnatter im Saal anzukommen. „Woher wissen Sie denn, dass sich das Bernsteinzimmer in Bielefeld befindet?“ „Ich hab’s selber hingebracht.“ „Und…ja, das ist ja unglaubich, Herr Koralle…und wo in Bielefeld befindet das Bernsteinzimmer?“, und zum Publikum im Saal gewandt: „Meinen Damen und Herren, wir stehen vor einer sensationellen Entdeckung, der größte Schatz der Zaren ist offensichtlich gefunden worden!“ Diese Erläuterung war überflüssig, weil alle im Saal begriffen hatten, worum es ging, aber sie gab ihm das Gefühl zurück, das Heft wieder in der Hand zu halten. Mit so gesteigertem Selbstvertrauen fuhr er fort. „Herr Koralle, nun müssen Sie uns aber auch sagen, wo sich das Bernsteinzimmer befindet!“ Schweigen in der Leitung.

„Herr Koralle…wo…ist…das…Bernsteinzimmer!“ Schweigen. „Herr Koralle!“ „Ich…“ „Ja?“ „Ich…ich will’s nicht sagen.“ Rudi merkte, wie ihm die Stimme aus der Gruft mehr und mehr Schwierigkeiten machte, er brauchte eine Pause. Er achtete nicht auf den Tumult, der sich auf dem Bildschirm abspielte und dessen Kontrolle dem Showmaster zu entgleiten drohte. Er winkte Gerrit zu sich heran. „ Gerrit, ich weiß, Sie sind ein Arschloch, aber ich sag’s niemanden, weil ich jetzt Ihre Hilfe brauche! Helfen Sie mir?“ Gerrit nickte übereifrig und hörte gar nicht damit auf, bis Rudi ihm die Hand auf die Schulter legte. „Sie machen doch dieses komische Spiel, diese Schnitzeljagd mit Handy.“ „Actionbound!“ „Und dafür benutzen sie dies GMS, oder wie das heißt” „GPS!” „Ja, genau! GPS! Ich will, dass Sie mir die genauen Koordinaten von der alten Molkerei geben.“ „Die da oben am Waldrand?“ „Ja, wieviel alte Molkereien haben wir denn, verdammt noch mal“, zischte Rudi, „die Koordinaten!“ „ Aber die steht doch leer, die alte Bruchbude.“ „Gerrit!“ Rudi schäumte, „Die Koordinaten! JETZT!“ Gerrit zuckte mit den Schultern und zückte sein Smartphone. Während er in seiner Actionbound-App die Karte von Ostwestfalen aufrief und Bielefeld anvisierte, drang Markus Jürgens aufgeregte Stimme an Rudis Ohr. „Herr Koralle, sind Sie noch dran? Herr Koralle, hallo?“ Rudi hüstelte laut und vernehmlich. „Verzeihen sie…die Schwester hat gerade meinen Urinbeutel ausgetauscht. Heute gab’s Spargel. Konnte man noch riechen. Mögen Sie auch Spargel?“ Die Heiterkeit in Rudis Zimmer nahm Ausmaße an, dass einige der Anwesenden fluchtartig den Raum verließen und draußen auf dem Flur in brüllendes Gelächter ausbrachen. Frau Stoffel-Baumgaertner, die langjährige Leiterin des Hauses ‚Himmelspforten`, von strenger, aber gerechter Art, vernahm auf ihrem abendlichen Rundgang durchs Haus diese Äußerungen ungehemmter Freude und befand sie für befremdlich und der weiteren Nachforschung würdig.

„Ja, Spargel mag ich auch gerne, Herr Koralle. Doch nun zum Schatz…wo ist das Bernsteinzimmer?“ „Sag ich nicht.“ „Doch, Herr Koralle, sie haben’s versprochen. Wollen Sie all diese lieben Menschen enttäuschen,“ rief er und zeigte mit einer weiten Bewegung seines Armes in die Runde. Rudi schaute zu Gerrit, der nickte. „Also gut“, sprach Rudi gedehnt, „wenn Sie meinen…aber ich sag’s nur Ihnen!“

Die Unruhe im Saal stieg sprunghaft an, das ging ja wohl gar nicht! Man bezahlte schließlich Eintritt, da konnte der alte Knacker doch nicht so mit seinem kleinen Geheimnis geizen! Markus Jürgens reagierte geschickt. „Ok, Herr Koralle! Sie erzählen nur mir, wo das Bernsteinzimmer versteckt ist“, und zum Publikum im Saal laut flüsternd:“…und Ihnen, wertes Publikum, verrate ich es hinterher!“ Die Leute waren augenblicklich beruhigt, und niemand kam auf die Idee, dass der alte Mann ja jedes Wort auf dem Bildschirm in seinem Zimmer mitverfolgen konnte. „Herr Jürgens“, tönte er mit Grabesstimme, „ich bin alt, aber nicht doof. Sie müssen natürlich die Saalübertragung ausstellen! Und wenn jedermann weiß, wo sich das Bernsteinzimmer befindet…sie wissen, was dann geschehen wird!“ Der Showmaster erbleichte und lächelte nervös. „Ja, selbstverständlich, Herr Koralle, die Saalübertragung…“, und zur Technik: „Saalübertragung aus!“ Die Stimmung in der Gruga-Halle sank auf den Punkt des GMST, des GrößtMöglichenStimmungsTiefs und kippte um in Richtung anschwellender Volkszorn. Warum sollte ausgerechnet dieser Lackaffe als einziger das Versteck des Schatzes erfahren! Erste Plastkbecher flogen und Buhrufe erschollen. Markus Jürgens war nicht bereit, jetzt klein beizugeben, das war die Show des Jahres, die Mutter aller Shows. Er zückte einen Stift und einen Zettel und rief. „Herr Koralle, schießen Sie los:“ Geschickt wich er mehreren halbvollen Bechern aus, während er konzentriert die Koordinaten nieder schrieb, die Rudi ihm von Gerrits Handy diktierte. Schließlich erhob er die rechte Hand sowie seine Stimme und zeigte dem Volk den kleinen vollgekritzelten Zettel. „Verehrtes Publikum! Ich kann Ihre Emotionen sehr, sehr gut verstehen. Darum werde ich Ihnen nun die Koordinaten des Verstecks vorlesen!“ Der Zorn der Massen verrauchte augenblicklich, Smartphones, Zettel und Stifte wurden im Saal und in den Wohnzimmern gezückt, um wie auch immer die große Verkündigung aufzuzeichnen. „So ein Drecksack“, protestierte Delphine, „er hatte doch versprochen…“ „Ganz ruhig“, entgegnete Rudi, „warten wir’s ab.“

Und er behielt recht. Markus Jürgens dichtete sich Koordinaten zusammen, die vielleicht innerhalb des inneren Sonnensystems zu finden waren, aber ganz gewiß nicht in Bielefeld. Die Nation schrieb fleißig mit, bis der größte aller Showmaster schließlich bemerkte:“Tja, mein liebes Publikum, nun wissen Sie alle Bescheid. Irgend jemand von Ihnen, dessen bin ich mir sicher, wird diese Koordinaten entschlüsseln. Vielleicht sind es aber auch nur die wirren Erinnerungen eines senilen alten Mannes, ohne Bedeutung.“ Seine rechte Hand umklammerte fest den Zettel mit seinem Gekritzel. ‚Wie unsagbar dämlich die Leute sind, einfach unfaßbar’, dachte er, während die ‚Bone Collectors’ die Schlußmelodie anstimmten.

Rudi und seine Gäste verfolgten das Ende der Show. Er war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Er hatte heute einen großen Auftritt gehabt, zweifelsohne. Vermutlich sein letzter, dachte er, nur vor kleinem Publikum, aber mit größerer Wirkung als jeder seiner Auftritte zu seinen Glanzzeiten. Nun hieß es abwarten.

Aus dem dicht gedrängten Haufen im Eingang zu seinem Zimmer löste sich eine zierliche Frauengestalt. „Was bitte geht hier vor sich? Ist Ihre Schicht schon beendet?“ Frau Stoffel-Baumgaertner hatte es nicht nötig, laut zu werden, sie wurde uneingeschränkt respektiert, die Gruppe zerstreute sich in Windeseile.

„Ah, guten Abend, Frau Stoffel-Baumgaertner! Wie schön, dass sie mich besuchen. Ich glaube, wir müssen miteinander reden.“ „Ja, Herr Koralle, ich glaube das auch“, entgegnete sie, die die letzten Minuten der Show im Eingang stehend verfolgt hatte. „Wir müssen dringend miteinander reden.“

 

 

Epilog

 

„ Sie sind mal wieder in der Zeitung, Herr Koralle…naja, zumindest indirekt“, sagte Delphine und zog streng die linke Augenbraue hoch, als sie ihm die Zeitung reichte. „Wieso?“entgegnete er, „was habe ich verbrochen?“ „Sie nicht, aber alle anderen! Da!“ Sie zeigte auf die Titelzeile. ‚Einbruchzahlen in Bielefeld steigen rapide an!’ und weiter unten ‚…17 Fälle in einer Nacht! Kein Haus mehr sicher!’ Seit Wochen schien sich ganz Bielefeld nachts mit Einbruchwerkzeug auf die Socken zu machen und sich gegenseitig die Keller aufzuknacken. Die Katakomben der Sparrenburg waren aufgebrochen worden, das Stadtarchiv ebenso wie der Keller des Ringlokschuppens, nur für die verfallene Alte Molkerei hatte sich bisher noch niemand interessiert. Manche kauften sich einen Spaten und einen Metalldetektor. Sie fanden Schrauben, Hufeisen und Fliegerbomben, aber keine Kisten voller Bernstein. Andere versuchten sich als Wünschelrutengänger und blieben ähnlich erfolglos. Immerhin blieb ihnen das Ausgraben von Metallschrott erspart. Jeder interpretierte die Zahlen, die Markus Jürgens als Koordinaten verkauft hatte, auf seine Art. Sie wurden als solche, allerdings codiert, gehandelt, dann waren es wieder Kontonummern, Telefonnummern und Geburtsdaten. Sie wurden zu nachtschlafener Zeit stundenlang begrübelt und durch Decodierungsprogramme gejagt und zu guter Letzt als Lottozahlen eingesetzt, um vielleicht doch noch einen Gewinn aus all den Mühen zu ziehen.

Markus Jürgens machte sich nichts aus den Zahlen, er hatte seine eigenen. Er ließ eine Woche verstreichen, dann tippte er sie in ein GPS-Programm ein, las die ermittelte Adresse und stutzte. ‚Alte Molkerei, Haus Himmelspforten’. Mein Gott, der alte Mann saß fast auf dem Schatz, und niemand schien davon zu wissen. Er beauftragte einen Anwalt, wegen des Kaufs des Gebäudes ein Angebot zu unterbreiten, und die Hausleitung, eine gewisse Frau Stoffel-Baumgaertner, ließ mittteilen, man hänge so an dem wunderschönen alten Haus, dass ein Verkauf quasi nicht in Frage käme, und Markus Jürgens ließ antworten, es sei doch schon arg verfallen, und er würde es renovieren lassen und dann für Dreharbeiten für seine Show nutzen wollen und erhöhte sein Angebot, kurzum: nach mehreren Wochen zäher Verhandlungen wechselte die Alte Molkerei für einen zweistelligen Millionenbetrag den Besitzer. Der Handel verschaffte dem Haus ‚Himmelspforten’ das Budget einer kleineren Kreisstadt und Markus Jürgens einen riesigen Schuldenberg, um den er sich aber keine Sorgen machte. Er würde bald reiche Ernte einfahren.

Niemand durfte ihn begleiten, als er das dunkle Innere des Gebäudes betrat. Die Bauarbeiter, die das Loch in die zugemauerte Tür geschlagen hatten, zogen sich auf sein Geheiß zu ihrem Fahrzeug zurück, auf dessen Ladefläche Zement und Steine bereit lagen, um die Öffnung anschließend wieder verschließen zu können. Es dauerte eine Stunde, bis Markus Jürgens das Gebäude auf die gleiche Weise verließ, wie er es betreten hatte. Sein Anzug war verstaubt, in seinem Haar klebten Spinnweben. Sein Gesicht war starr und kalkweis wie die Milch, die hier einst verarbeitet worden war. „Zumauern“, sagte er tonlos, als er die Gruppe der Arbeiter passierte, sich in sein Auto setzte und davon fuhr.

„Und da! Lesen Sie mal da, Herr Koralle, unter ‚Reich und berühmt’. Echt Hammer, oder?“ ‚Showmaster fliegt aus Sanatorium. Rechnung nicht bezahlt’, las Delphine laut vor und fügte hinzu: „Scheint pleite zu sein.“ „Ich habe gehört, er habe sich mit Immobilien verspekuliert“, antwortete Rudi. „Was gibt’s heute Mittag zu essen?“ „Klare Steinpilzbrühe, anschließend Wildlachs mit Creme aus schwarzen Trüffeln und persischem Dill, dazu gedünstete Kerbelrübe aus Cornwall, als Dessert ein feines Guavensorbet. Zu Trinken: zur Begrüßung wie immer ein Gläschen Sekt, dann wahlweise einen trockenen Silvaner oder einen sanften Riesling, beides Mosel, abschließend lecker Likörchen, wie immer“, grinste Delphin. „ Sie dürfen übrigens heute am Tisch von Frau Stoffel-Baumgaertner sitzen.“ „Fein“, antwortete Rudi. „Dann lassen Sie uns gehen. Wir wollen die Dame nicht warten lassen.“

 

 

 

Sein letzter Gag (6. Kapitel)

  1. Kapitel

 Rudi saß regungslos aufrecht im Bett und starrte mit offenem Mund am Fernseher und den Rotarmisten vorbei an die Wand. „ Herr Koralle? Herr Koralle, alles in Ordnung?“ Delphine stand besorgt auf und ging zu seinem Bett. Er schaute abwesend zu ihr, plötzlich blitzte ein Lächeln über sein Gesicht. Rudi deutete ihr mit erhobenem Zeigefinger vor den gespitzen Lippen an, sie möge sich still verhalten und zeigte anschließend auf die auf dem Teppichboden liegende Fernbedienung. Sie verstand, bückte sich und reichte sie ihm mit fragendem Gesichtsausdruck. Er dankte ihr mit einem stummen Nicken, tippte mit der freien Hand auf der Tastatur herum, bis auf dem Bildschirm Markus Jürgens erschien, der gerade mit blendendweißem Strahlen und einer schwungvollen Armbewegung die ‚Bone collectors’ einzelnd vorstellte, während sie Lounge-music der seichteren Art zum Besten gaben. Rudi reduzierte die Lautstärke und wandte sich wieder dem Anrufer zu. „Bitte, wer spricht da?“ Er brüllte in den Hörer, dass Delphine erschrocken zusammenzuckte. „Stein. Bern Stein“, brüllte dieser zurück. „Sie sind in der Show!“ „Waaas?“ „In der Shohow!“ „Welche Show? Ich…ich kann Sie so schlecht verstehen! Sprechen Sie doch lauter!“ Bernd Stein holte tief Luft. Ganz ruhig bleiben, dachte er, ganz ruhig. Er sprach mit kräftiger und überakzentuierter Stimme: „Herr Koralle, Sie sind im Fernsehen, in der der Show ‚Zauber des Alters’. Herzlichen Glückwunsch!“ „Ich bin in meinem Zimmer,“ antwortete Rudi. Bernd Stein rollte mit den Augen. „Ja, Sie sind in Ihrem Zimmer. Aber Sie sind auch in der Show! Idiot!“Letzteres fügte er leise hinzu, nicht ahnend, dass Rudi ein erstklassiges Hörgerät trug. Dieser grinste leise, wandte sich Delphine zu, die aufgrund des Gebrülls jedes Wort hatte verstehen können, und mit offenenem Mund Bauklötze staunte, und zwinkerte ihr schelmisch zu. „Und wer sind Sie? Bernd Stein? Kennichnich! Sind Sie in der Show? Ich bin in meinem Zimmer. Ich gucke gerade die Show und kann Sie gar nicht sehen! Sind Sie ein Betrüger? Ich rufe die Polizei. Polizei!“ In Rudis Augen blitzten Tränen, er konnte sein Lachen nur mit Mühe zurück halten. Delphine hatte sein Schauspiel mittlerweile durchschaut und genoss die Aufführung höchst amüsiert.

Bernd Stein wünschte sich nichts sehnlicher, als dieses Gespräch schnellstmöglich zu beenden. Er war Profi und hatte ein gutes Gespür dafür, wenn etwas glatt lief. Dieses Gespräch lief nicht glatt, etwas warnte ihn. Er bekam keine Gelegenheit, dieser Emgfindung nachzugehen, die Stimme von Markus Jürgens schreckte ihn auf. „Bernd Stein, wir rufen Bernd Stein! Bernd Stein, bitte kommen!“ Er schaute auf den Bildschirm und sah: die Zeit drängte. Das strahlende Lächeln seines Chefs konnte vielleicht das Publikum täuschen, jedoch nicht ihn. Markus Jürgens wurde ungeduldig, zweifelsohne! Lange würde er die Leute nicht mehr mit seinem launigen Geplänkel hinhalten können, es wurde Zeit, die Verbindung herzustellen. „Herr Koralle“, brüllte er in sein Handy, „Ich verbinde Sie nun mit Markus Jürgens, viel Vergnügen in der Show“, und über die Nebenleitung in’s Headset seines Chefs:“Verbindung steht. 3-2-1-jetzt!“ Er schaltete um und sank mit einem erleichterten Seufzer in die Stuhllehne.

Markus Jürgens holte tief Luft, die Kapelle spielte einen spannungsgeladenen Wirbel, das Licht in der Gruga-Halle wurde gedämpft, während Lichtkleckse über die Wände und über die Gesichter des Publikums huschten. Die Zeit schien für einen Moment still zu stehen. „Und nun“, hob Markus Jürgens an, „begrüßen wir…..“ Die Musik schwoll etwas an, die Lichter zuckten etwas hektischer, die Spannung stieg, das Publikum folgte gebannt jeder seiner Lippenbewegungen. “…unseren Star vergangener Tage, aus der Zeit, als das Fersehen laufen lernte, als die Straßen wie leergefegt waren, wenn er durch die Sendung führte. Wir begrüßen…..Rudi Koralle! Applaus für Rudi Koralle!“

Das Publikum tobte wie befohlen. Die jüngeren hatten noch nie von ihm gehört, die Senioren im Saal kannten ihn jedoch aus Kindertagen, und während auf der Großbildleinwand Szenen aus Rudi Koralles künstlerischem Schaffen aufflammten, Koralle im Gespäch mit Bewunderern, Koralle in seinem berühmten Tanzfilm, Koralle als glänzender Showstar, Koralle auf der Bühne und in seinem Sportcabrio, Koralle in Nizza und in Rom, kamen die Erinnerungen. Dass der noch lebt, wär hätte das gedacht! Und als würde Markus Jürgens die Gedanken seines Publikums erraten, was er natürlich tatsächlich auch tat, und was ja auch nicht wirklich schwierig war, rief er in das allgemeine Raunen und Staunen:“Ja,den gibt’s noch! Guten Abend, Herr Koralle! Herr Koralle, wie geht es Ihnen?“

Delphine klappte der Kiefer runter. Erst jetzt begriff sie die tatsächlichen Zusammenhänge. Hatte sie gerade noch gebannt auf den Bildschirm geschaut, wandte sich ihr Blick mit allergrößtem Erstaunen Rudi zu, wie er mit dem altertümlichen Hörer in der Hand aufrecht im Bett saß und von einem Ohr bis zum anderen Ohr grinste. „Och, mir geht’s ganz gut“, sprach er langsam mit hohler Stimme, die aus der Unterwelt des Hades empor zu dringen schien, das laute Sprechen fiel ihm doch etwas schwer, „wenn nur nicht immer diese Blähungen wären.“ Delphine presste sich das Sofakissen vor das Gesicht, um nicht losprusten zu müssen. Das gibt’s nicht, dachte sie, er verarscht die im Fernsehen. Und diese Stimme! Erst laut, dann wie aus der Gruft, mein Gott, was kommt da noch?

Markus Jürgens riss sie aus ihren Gedanken. „Jaja, wir sind alle nicht mehr die jüngsten, der eine mehr, der andere weniger, hahaha“, plapperte er, während das Publikum artig über seinen Kalauer lachte. „Herr Koralle, Sie wissen, warum wir Sie anrufen. Wir wollen Ihnen ein Geheimnis entreißen – das Geheimnis Ihres Lebens. Jeder von uns hat ein Geheimnis. Herr Koralle, verraten Sie uns ihr Geheimnis!“ Zum Publikum gewandt, fügte er hinzu: „Wird Rudi Koralle uns sein Geheimnis verraten, Was hält er vor uns geheim?“

Während die Musik und die Lichtshow im Saal die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Spannungsbogens übernahmen, versank Rudi in Schweigen. Hatte er ein Geheimnis? Nicht, dass er wüßte…keine Eskapaden, keine Drogen, keine fünf geschiedenen Ehen. Er hatte nie geheiratet, war äußerst erfolgreich und wohlhabend und hatte sich rechtzeitig zur Ruhe gesetzt und dem Rummel abgeschworen. Er dachte an sein Leben in ‚Himmelspforten’, er dachte an Elena und Delphine, an den blöden Gerrit, er dachte an Bläcky und Roy, er dachte an den Krieg…Schreie, Lärm und Gestank, Rückzug aus Ostpreussen, das brennende Königsberg…er schaute zu Delphine, die ihn unverwandt anschaute. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Sein Sprachmodus schaltete um auf allertiefste Gruft. „Mein Geheimnis…“, röchelte er. „…Sie wollen mein Geheimnis wissen…ich werde Ihnen mein Geheimnis verraten.“

(Fortsetzung folgt)