3D-Rätsel

Die eine Frage, die Frage aller Fragen, the mother of all questions, bisher noch nie an mich gerichtet, ist längst beantwortet, und diese Antwort brennt auf meiner Zunge, brennt wie ein glühendes Stück Kohle, brennt wie eine mit schwarzem Pfeffer gefüllte rote Pepperoni diavolo, und nun spucke ich sie aus, und diese alles versengende Antwort lautet: 2D ist mir zu flach!

Wie lautet die Frage? 🙂

Du weisst die Antwort? Teile sie mir unter pierick@web.de mit. Ich bin gespannt!

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Unbekanntes Gehölz

Das Gartenrätsel vom 06.10. ist noch nicht gelöst. Damit nicht weltweit die Server zusammenbrechen, weil Heerscharen von hilfsbereiten Gartenbloggern durch die Suchmaschinen robben, stelle ich auf Anregung von Karo-Tina noch 3 Pflanzenbilder zur Schau, auf daß des Rätsels Lösung näher rücke.

Gartenrätsel

Heute gibt’s ein Rätsel der besonderen Art: auch mir ist die Antwort auf die Rätselfrage nicht bekannt. Oder mit anderen Worten: ich brauche eure Hilfe. Oder, und das ist mir schon fast peinlich, weil ich mich ziemlich gut auskenne: wie heißt die Pflanze zum Blatt?

Folgendes ist über die Pflanze bekannt: Strauch oder Baum, denn der Stamm verholzt. Die Samen müssen klein sein, denn die Keimblätter im Frühling waren ebenfalls klein, außerdem waren beim Umtopfen im Sommer keine Samenreste mehr an den Wurzeln zu finden. Die Blätter wachsen wechselständig, sie sind beim Zerreiben fast geruchlos. Ihre Länge beträgt 8 – 12 cm.

Ob ich unter Alzheimer leide und nicht mehr weiss, was ich im Herbst ausgesät habe, oder ob die Samen mit Erde in den Ausaattopf gelangt sind…keine Ahnung! Ich hoffe dringend auf euren Ideenreichtum. Dem Verkünder der richtigen Antwort gebührt Ruhm und Ehre!

Im Voraus meinen Dank!

Madddin

Aufgeregt!

Ja, Madddin ist schon etwas aufgeregt. Am 18.11. wird er zum ersten mal als Kleinstkünstler an einer Unterhaltungsshow teilnehmen. Es handelt sich um Showl (sprich Scho-weh-ell) in Bielefeld ( http://www.trotz-alledem-theater.de/index.php?id=flottmannprogramme ), was nichts anderes als Show in OWL(Ostwestfalen-Lippe) bedeutet. Heinz Flottmann, Showmaster und Bielefelder Kulturgröße, ist von meinen Texten angetan und freut sich, wenn ich 10 – 12 Minuten der abendlichen Unterhaltung übernehme. Das wird spannend. Noch nie bin ich alleine auf einer Theaterbühne aufgetreten,  vor über 100 zahlenden Zuschauern. Aber Heinz meint, das werde super. Gibt es Lampenfieberzäpfchen?

Die Wappenwegwanderung

Der Wappenweg

 

Von Martin Pierick

 

  1. Mai 2013Regen. Westfälischer Landregen, schon seit mindestens 2 Stunden. Nicht peitschend oder böig aus aufgetürmten Wolkengebirgen, sondern von einem gleichmäßig grauen Himmel ohne Licht am Horizont. Alles trieft und tropft. Bäh!

Die nasse Laufsynthetik klebt auf meiner Haut, die Schuhe machen Geräusche, die sie in trockenem Zustand nicht machen und für die es noch kein Adjektiv gibt, soweit ich weiss. Ich sollte eines erfinden. So etwas wie ‚flitschig’. Laufschuhe sollten einen Abfluss haben, damit sie nicht bei jedem Schritt flitschen, denke ich bei mir.

So monoton der Regen fällt, so ruhig setze ich die Füße voreinander. Mistiges Wetter fördert einen gleichmäßigen Laufstil, oder: wer nicht über den nötigen Gleichmut verfügt, geht bei solchem Wetter gar nicht erst vor die Tür, schon gar nicht, um zu wandern oder zu joggen.

Der Gedanke, alles aufzuschreiben, was mich seit einigen Tagen bewegt und mich auch in den kommenden Wochen nicht loslassen wird, geistert durch mein Gemüt. Das Protokoll einer Schnapsidee – den Wappenweg an einem Tag erwandern.

Zahllose Pusteblumen stehen auf den Wiesen. Wenn es nicht so pladdern würde und etwas Wind aufkäme, wäre die Luft erfüllt von Wolken aus kleinen Fallschirmen. Sie trieben langsam in Richtung Obersee, so wie meine Gedanken treiben. Von den Weißdornbüschen und ihren muffig riechenden Blüten zu meiner Rechten hinüber zu den geduldig auf besseres Wetter harrenden Heckrindern auf der Weide zu meiner Linken und weiter zu dem Wasser in meinen Schuhen, den durchtränkten Socken und den gequollenen Zehenzwischenräumen. Scheiß Regen.

Mein Entschluss steht: ich werde versuchen, den Wappenweg an einem Tag zu gehen. 88,8 Kilometer! Ein Marathonlauf ist nicht einmal halb so lang. Der Leser stellt sich spätestens an dieser Stelle die Frage: warum um alles in der Welt kommt er auf diese Schnapsidee? 88.8 Kilometer an einem Tag! Ist er nun komplett übergeschnappt?

Nö, ist er nicht. Er wandert gerne. Und er liebt die Herausforderung. Er hat viele Male den Hermannslauf bezwungen, 31 Kilometer bergauf und bergab durch den Teutoburger Wald, und er hat 3 Marathonläufe absolviert. Nun hat er leider Herzrhythmusstörungen, erst mal ist Schluss mit Laufen. Wandern darf er, hat sein Arzt gesagt. Natürlich hat er dem Doc vorenthalten, an welche Strecke er sich heranwagen möchte, der liebe Doktor muss ja nicht alles wissen.

Lange Wanderungen sind mir durchaus vertraut. 70 km an einem Tag oder auch 135 km an 3 Tagen habe ich schon bewältigt und lassen mich ahnen, was in punkto Blut, Schweiß und Tränen auf mich zukommt. 88,8 km!

Nun bin ich ja nicht der erste Mensch, der versucht, den Wappenweg an einem Tag zu knacken. Im August 2012 unternahmen Katarina Zacharaki und Harald Haack den ersten Versuch, Pioniere sozusagen. Wie ich damals aus der Zeitung erfuhr, scheiterten sie nach über 19 Stunden und 80 Kilometern, waren erschöpft, hatten Blasen an den Füßen und kämpften gegen die Dunkelheit an. Ich las den Artikel noch mal im Internet. Hammer! So eine lange Strecke! Ich stellte es mir deprimierend vor, so kurz vor dem Ziel aufgeben zu müssen. Weiter las ich: Wegewart Christoph Schneyer vom Teutoburger-Wald-Verein meint: unmöglich, den Weg an einem Tag zu schaffen…. Soso, meint er das, dachte ich. Mein Herausforderungs-Gen fing an zu jucken. Es sollte doch möglich sein, dachte ich, bei guter Vorbereitung und etwas Glück….

Das war vor einigen Tagen. Seitdem reift in mir der Gedanke, es auch zu versuchen. Und noch ein Gedanke reift in mir: ich will es als erster schaffen. Ein gesundes Maß an Eitelkeit und Ehrgeiz hat noch keinem geschadet, rede ich mir ein. Klar: die sportliche Leistung wird nicht dadurch geschmälert, dass sie von anderen zuvor schon erbracht wurde. Aber Ruhm und Ehre gehören nun mal dem Erstbezwinger! Der Wappenweg soll meine persönliche Eiger-Nordwand werden.

Soweit bis heute. Während ich mich pitschnass über schlammige Wege heimwärts quäle, wo eine heiße Dusche mich sehnsüchtig erwartet, kommt mir noch ein Gedanke. Die ganze Sache bekäme mehr Sinn, wenn ich mich nicht nur für Ruhm und Ehre, sondern zusätzlich für einen guten Zweck quälen würde. Morgen werde ich Bine mal darauf ansprechen….

  1. Mai 2013

Bine sitzt mir gegenüber. Ich habe Glück, sie anzutreffen, ihr Urlaub steht bevor. Einer der vielen kleinen Zufälle, die den Lauf einer Geschichte unbemerkt, aber nachhaltig beeinflussen, fällt mir später ein. Was wäre, wenn….wenn ich sie nicht angetroffen hätte….wenn sie mein Vorhaben lächerlich fände….

Findet sie aber nicht. Im Gegenteil, sie ist begeistert von der Idee. Die besteht darin, die Wanderung mit einem Spendenaufruf für das Kinderzentrum e. V., dem sie als Leitung vorsteht, zu verbinden. Der Verein betreut Kinder, die in der Familie Gewalt erleben, und leidet permanent unter finanzieller Not.

Wir überlegen bei einer Tasse Kaffee, wie man größtmöglichen Nutzen für das Kinderzentrum erzielen kann. Ich möchte nicht 88 km mit einer Sammelbüchse in der Hand wandern, also ein Aufruf im Internet oder über E-Mails. Ein Sonderkonto? Nein, wir beschließen, das Konto des Fördervereins zu nutzen. Das erleichtert anscheinend das Ausstellen von Spendenquittungen. An was man alles denken muss.

  1. Mai 2013

Und dann die Mail, die alles unwiderruflich öffentlich macht. Nun gibt es kein Zurück mehr! Im Verteiler sind ca. 70 Freunde und Bekannte.

 

Eine verrückte Idee für einen guten Zweck…

Liebe Freunde, Verwandte, Doppelkopf-Besessene, Mitsänger, Nachbarn, Kollegen…

Am Sonntag, den 16. Juni werde ich versuchen, als erster(soweit mir bekannt) den Bielefelder Wappenweg an einem Tag zu erwandern. Keine leichte Übung, da es sich um eine Strecke von 88 km handelt. Bisher gab es einen knapp gescheiterten Versuch im August 2012, nun will ich es wagen.

Aus 2 Gründen wende ich mich an Euch:

– vielleicht hat der eine oder andere Zeit und Lust, mich ein Stück Weges zu begleiten. Der Wanderweg ist wirklich schön, und mir würde es die Zeit verkürzen und die Strapazen lindern.

– damit es an diesem Tag nicht nur um die sportliche Herausforderung geht, verknüpfe ich die Wanderung mit Spendenaufruf für das

Kinderzentrum e. V. in Bielefeld, einer Einrichtung zur Betreuung von Kindern, die Gewalt in der Familie erleben mussten.

Zum Ablauf: ich starte am Sonntag, den 16. Juni um 2:00(!Startzeit nachträglich geändert!) an der Kreuzung Wappenweg/Altenhagener Straße und folge der Strecke im Uhrzeigersinn um Bielefeld herum. Den Verlauf der Strecke findet Ihr im Internet oder auf aktuellen Wanderkarten. Falls mich jemand ein Stück des Weges begleiten möchte, wäre eine Kontaktaufnahme per Handy(017653523822) und Vereinbarung eines Treffpunktes und ungefähren Zeitpunktes möglich.

Zum Spendenaufruf: das Kinderzentrum e. V. leistet wichtige gesellschaftliche Arbeit unter schwierigen finanziellen Bedingungen. Unter www.kinderzentrum-ev.de findet Ihr weitere Informationen zur Einrichtung.

Da ich keine Lust verspüre, mit einer Sammelbüchse in der Hand 88 km zu wandern, macht es Sinn, wenn ich Euch nun die Spendenadresse nenne:     Förderverein des Kinderzentrums Bielefeld

               Hilfen bei häuslicher Gewalt

               BLZ: 48050161  Sparkasse Bielefeld

               KtNr: 67020768

               Stichwort: Wappenweg(nachträglich eingefügt) 

Für Resonanz jeglicher Art(Begeisterung, Mitleid, Kopfschütteln….) bin ich Euch dankbar. Fall sich jemand Sorgen um meine körperliche Gesundheit macht – ich habe Mechthild versprochen, im Zweifelsfalle die Wanderung abzubrechen und kein Risiko einzugehen.

Liebe Grüße an Euch alle!

Martin

P.S. Diese Nachricht dürft Ihr an gute Freunde weitergeben.

 

Huch, ein übler Schreibfehler. Herausvorderung mit V! Hoffentlich merkt’s keiner.

  1. Mai 2013

Die Resonanz auf meine Mail ist ja bisher eher verhalten. Immerhin: der eine oder andere zieht in Erwägung, mich auf der Wanderung zu begleiten. Einige Freunde bringen zum Ausdruck, dass sie die Idee toll finden, und wünschen mir viel Erfolg.

Insgesamt herrscht also wohlwollende Anteilnahme vor. Ich habe mit mehr Spott oder Kopfschütteln gerechnet. Na, wer weiß…hinter meinem Rücken? Ach, und wenn schon! Ich freue mich über jene, denen die Idee gefällt. Und vor allem darüber, dass Mechthild mich unterstützt. Sie hat auch die Idee, Depots anzulegen und mich etappenweise von Freunden begleiten zu lassen. Sie hört sich geduldig meine Ausführungen zu meinem Vorhaben an, macht aber kein Hehl daraus, dass sie die Idee für etwas verrückt hält. Und sie erwartet von mir, dass ich die Wanderung abbreche, wenn meine Gesundheit gefährdet wird. Das verspreche ich ihr.
Das Wetter der letzten Tagen ist echt das Allerletzte! Wenn es am 16. Juni so schifft…dann Prost Mahlzeit! Aber kneifen gilt nicht, außer ich werde krank, dafür wissen schon zu viele Leute Bescheid. Heute probiere ich, wie es sich anfühlt, in kompletter Regenkleidung einschließlich wasserdichter Wanderschuhe zu gehen und dabei einen 6 Kilo schweren Rucksack zu tragen. Bequem fühlt sich anders an! Die Körperwärme staut sich, alles klebt. Hoffen wir mal, dass die Sonne am 16. Juni scheinen wird. Am besten 22°C und Rückenwind.

Warum an diesem Tag, fragt sich der Leser. Die Antwort lautet: es ist ein Sonntag, somit ist die Chance groß, Begleiter zu finden, die an diesem Tag nicht arbeiten müssen. Und es ist ein Tag kurz vor der Sommersonnenwende, also mit vielen hellen Stunden gesegnet.

Meine Vorbereitungen und planerischen Gedankenspiele kreisen meistens um die Themen Verpflegung und Streckenverlauf. Der Supergau wäre, sich zu verlaufen, also werde ich mir unbekannte Streckenabschnitte zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden. Mit anderen Worten: fast den gesamten Wappenweg! Eine gute Bielefeld-Wanderkarte besitze ich schon. Ein Navi brauche ich nicht, das ist etwas für Weicheier. Wer wandert, sollte auch mit einer Karte umgehen können, finde ich. Außerdem ist der Weg markiert.

Die Verpflegung ist ein wichtiger Punkt bei der Planung einer derartigen Unternehmung. Die benötigte Nahrungs- und Flüssigkeitsmenge ist zu schwer, um sie während des ganzen Weges mit sich herum zu schleppen. Ich werde also Depots anlegen oder mir die Verpflegung bringen lassen müssen und nur eine kleine Menge bei mir tragen. Zu essen gibt’s viele Kalorien, ich denke so an Mettwurst mit Fenchel oder Knoblauch vom Siggi oder ein großes Stück Käse oder Kokosmakronen von Aldi.

Außerdem hoffe ich natürlich, dass mich meine zahlreichen Begleiter mit Getränken und Leckerlies versorgen. Bis zum großen Tag werde ich allerdings Maß halten, viele Vitamine konsumieren und, wenn möglich, mein Gewicht reduzieren. Jedes Kilo zählt! Vorweg sei verraten, dass ich auf das Anlegen von Depots verzichten kann.

Wie sonst auch kann ich heute während des Wanderns natürlich nicht auf’s Botanisieren verzichten. Warum sollte ich auch. Es ist ja mein liebste Hobby. Mein Weg führt mich an einem verwilderten Bestand männlicher Moschuserdbeeren vorbei. Warum ich MOSCHUSerdbeeren schreibe? Weil die so heißen! Es sind eben nicht die bekannten Walderdbeeren oder Gartenerdbeeren, sondern eine eigene Art – stattliche Pflanzen mit auffälligen hoch stehenden Blüten. Die große Besonderheit dieser einheimischen Art: sie ist zweihäusig getrenntgeschlechtlich, es gibt also rein männliche und rein weibliche Pflanzen. Natürlich bekommen nur letztere Früchte, wenn erstere in der Nähe wachsen. An dieser Stelle weise ich warnend darauf hin, dass mir solche literarisch-botanische Ausflüge immer mal wieder unterlaufen.

  1. Mai 2013

Wieder einmal Regen, seit mehreren Stunden, mit kurzen Unterbrechungen. Ohne Regenjacke und festes, aber leider auch schweres Schuhwerk geht’s an solchen Tagen nicht. Die Schwalben fliegen so tief, dass sie eigentlich wundgescheuerte Bäuche haben müssten….so wie meine Füße heute Abend? Mal seh’n…

Heute gehe ich bis hinter Heepen, steige in den Wappenweg ein und folge ihm nach Süden bis zum Fichte-Heim, um von dort über die Senne, den Teuto-Kamm und die Sieker Schweiz den Heimweg anzutreten.

Die Kilometer dehnen sich wie Kaugummi. Ich suche Ablenkung, indem ich singe, das Panorama genieße oder nach Tieren und Pflanzen ausschaue. Wenn man alleine wandert und keinen Radau macht, bekommt man mit etwas Glück so einiges geboten. Ein Reh, ein Turmfalke…nur die Weinbergschnecke auf dem Weg, die übersehe ich. Aber ich höre sie, als ich drauftrete.

Bei solch langen Märschen ist es wichtig, eine Balance zwischen Lethargie und Aufmerksamkeit zu finden, um einerseits die Strapazen besser zu ertragen und andererseits zum Beispiel den Weg nicht zu verlieren. Es wäre doch schade, wenn hinterher irgendein Klugscheißer ruft:“Gildet nicht!“, weil man versehentlich eine Abkürzung gewählt hat. Damit das nicht passiert, gewöhne ich mir an,  immer fein auf das Wappenzeichen an den Bäumen zu achten.

Heutige botanische Besonderheiten: rosa und dunkelrosa blühender Weißdorn, ein großer Bestand geflecktes Knabenkraut….immerhin.

Abendlicher Nachtrag: meine Füße fühlen sich etwas durchgekaut an.

  1. Mai 2013

Endlich Sonnenschein! Einzelne Quellwolken und angenehme Temperaturen, was will ich mehr! Nachdem ich vor einigen Tagen den Bielefelder Süden mit dem Rad erkundet habe, folge ich heute  dem nördlichen Bogen des Wappenweges von Kirchdornberg bis Brake, ebenfalls mit dem Rad. Und ich entdecke das traumhaft schöne hügelige Ravensberger Land, welches Peter-August Böckstiegel aus Arrode bei Werther zu vielen schönen Bildern inspiriert hat, mit seinen fruchtbaren Feldern und malerisch gelegenen Höfen, den hallengleichen Buchenwäldern, den zahlreichen Bächen und Teichen und einer ihm eigenen Landschaftsform, den Sieken. Diese sind von Menschen des Mittelalters geschaffene und geformte Trogtäler, oft von einem Bach durchflossen, die früher durch extensive Beweidung genutzt wurden. Sie stellen heute Refugien für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten dar.

Diese Art Landschaft ist sehr wohltuend für Auge und Geist. Sie bietet in rascher Folge neue Perspektiven und hat immer wieder Überraschungen parat. Auf baumfreien Hügelkuppen schenkt sie Blicke in die Ferne –  zum Teutoburger Wald im Westen, zum Wiehengebirge im Norden und zum Lippischen Bergland im Südosten.

Mein Wunsch: am 16. Juni möge das Wetter wie heute sein.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               31. Mai 2013                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Nochmal das Ravensberger Land, diesmal zu Fuß. Trotz des herrlichen Wanderwetters sind viele Wege noch schlammig, daher gehen Mechthild und ich in schweren Wanderschuhen. Die tragen allerdings dazu bei, dass wir langsamer sind, als erhofft. Am Ende steht die ernüchternde Erkenntnis, dass ich am Großen Tag schon um 2:00 starten muss. Der Respekt vor der Strecke ist wieder verdammt groß geworden.

  1. Juni 2013

Die Ernüchterung ist nicht geringer geworden, im Gegenteil! Seit 6 Tagen plagen mich Schmerzen im linken Schienbein. Es scheint dort einen Muskel zu geben, den ich bisher noch nie wahrgenommen habe. Das Gefühl beim Gehen ist vergleichbar mit dem eines kräftigen Trittes vor die Knochen. Da hilft das Zusammenbeissen der Zähne wenig, 88 km halte ich das nicht aus! Seit gestern therapiere ich mit Voltaren-Gel und hoffe, dass ich in 10 Tagen wieder fit bin.

Davon abgesehen, bin ich guten Mutes, dass ich die Strecke bewältigen werde, wenn die Begleitumstände günstig sind: optimale Witterung und vor allem gute körperliche Verfassung. Da ich auf das Wetter keinen Einfluss habe, bleibt mir nur, alles für meine Fitness zu tun, was möglich ist, und zu hoffen, dass mir nicht doch noch ein Zipperlein in die Quere kommt.

  1. Juni 2013

Heute wird Uta, eine befreundete Physiotherapeutin, mein Schienbein ´tapen`. Ich verlasse mich ganz auf ihre Erfahrungen.

In einer Woche ist es so weit, dann werde ich schon 6 Stunden unterwegs sein. So bewusst, wie ich es an diesem Tag erleben werde, habe ich wohl noch nie einen Tag erwachen sehen. Vom Anbeginn der frühesten Dämmerung über den Sonnenaufgang hinaus, vom allerersten Morgenrot über den einsetzenden Gesang der Vögel, bis endlich über dem Lipperland die Sonne aufgeht, stelle ich mir vor.

Hier sei ein kleiner astronomischer Exkurs erlaubt. Wer kennt nicht den kleinen netten Vers

Im Osten geht die Sonne auf,

im Süden nimmt sie ihren Lauf,

im Westen wird sie untergehn,

im Norden ist sie nie zu seh’n.

Das ist doch eine sehr unpräzise Beschreibung der himmelsmechanischen Vorgänge und allenfalls geeignet, kleinen Kindern die ungefähren Zusammenhänge nahe zu bringen. Streng genommen gilt das Gedicht nur auf der Nordhalbkugel der Erde, und das auch nur an 2 Tagen im Jahr, nämlich zum Frühlingsanfang und zum Herbstanfang.

Im Juni ist der Tagesbogen der Sonne, also ihre Bahn am Firmament, am längsten. Sie verschwindet nur für wenige Stunden unter dem Horizont. Das hat zur Folge, dass es aufgrund der Dämmerungen bei klarem Himmel nur eine kurze Phase echter Dunkelheit gibt. Das gilt aber nur für unseren Breitengrad. In Süddeutschland wird es mehrere Stunden lang dunkel, während an der Nordseeküste die ganze Nacht über Dämmerung herrscht. Dieser Umstand ist von nicht unerheblicher Bedeutung für das Gelingen meines Vorhabens.

Also: am 16. Juni wird die Sonne ganz früh, und zwar um 5:04, im Nordosten aufgehen!

  1. Juni 2013

Heute habe ich mich mit der Neuen Westfälischen Zeitung in Verbindung gesetzt, zunächst telefonisch, dann per Mail. Das Kinderzentrum kann von großer Öffentlichkeit nur profitieren.

Ich lote vorsichtig in mir aus, wie groß der Anteil der Ruhmessucht an meiner Motivation ist. Nicht unerheblich, das ist mir klar. Wenn ich es schaffe, werden es u. U. viele tausend Menschen erfahren. Wenn ich es nicht schaffe, allerdings auch. Der Druck, den die Veröffentlichung auf mich ausübt, erhöht die Leidensbereitschaft und das Durchhaltevermögen. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, nach einer so langen Distanz ans Ziel zu gelangen. Das es möglich ist, bezweifele ich nicht. Und die Dokumentation: das ist wirklich neu und aufregend für mich.

In den letzten Tagen treffen immer mehr gute Wünsche und virtuelle Daumendrücker per Mail bei mir ein. Bisher haben sich aber nur wenige als potentielle Begleitung angeboten. Das verschafft mir ein logistisches Problem, habe ich doch gehofft, auf diese Weise unterwegs mit Verpflegung und Getränken versorgt zu werden. Das bedeutet: Depots anlegen, und zwar so, dass niemand anderes sie findet, ich jedoch nicht in lethargischer Unterzuckerung daran vorbeilaufe.

Mein Schienbein bereitet mir Sorgen. Das Tape wirkt, der Schmerz hat schon deutlich nachgelassen, ist aber immer noch präsent. Was macht man in so einer Situation? Hoffen! Und Bewegungsübungen ohne Belastung, Massage…..keine Tabletten, kein Schmerzgel mehr. Ich bin mein schlechtester Kunde!

  1. Juni

Die ´Neue Westfälische` ruft an. Genauer genommen, Frau Ariane M., Redakteurin, nehme ich an. Oder sagt man Reporterin? Keine Ahnung, ich kenne mich im Zeitungswesen nicht aus. Wir vereinbaren einen Treffpunkt während des ´Langen Marsches` – 11:30 dort, wo ich gerade bin. Eine derartige Vereinbarung ist erst möglich, seitdem es Handys gibt. Mein Gott, was habe ich die Dinger früher verteufelt. Aber alles hat seine 2 Seiten.

Es gibt die ersten Wetterprognosen für Sonntag. Vielversprechend! Und: mehrere Begleitungen stehen schon so gut wie fest. Ich brauche keine Depots anzulegen.               Die folgenden Tage schleichen dahin und lassen meine Anspannung ansteigen. Die Schmerzen im Bein wollen nicht verschwinden, Sabine, eine befreundete Heilpraktikerin, empfiehlt Arnica D12, 5 Kügelchen halbstündlich! Ich sage mir, ok, schadet nicht, reicht ja, wenn sie daran glaubt.

  1. Juni 2013

Wir sind bei Almut, unserer Nachbarin, zum Geburtstagsbrunch eingeladen. Das wirklich schöne am Wandern – im Gegensatz zum Laufen – ist: man kann es auch mit vollgestopftem Bauch. Essen konnte ich schon immer gut. Ich bin nicht dick, ich bin aber auch kein dürrer Hering. Reserven müssen sein. Und: gut essen hält Leib und Seele zusammen. Und außerdem: die wirklich guten Sachen sind alle leicht verderblich und müssen daher schnell verwertet werden. Die leckeren Häppchen, der Spaß und das Gelächter in nachbarschaftlicher Runde, das Tape und natürlich Arnica D12 – sie alle haben ihren Anteil daran, dass ich mich am Abend entspannt in’s Bett legen und ruhig schlafen kann.

  1. Juni 2013

Ganz früh morgens

1 Uhr morgens. Das Geräusch des Weckers durchbricht die Mauern der Nacht und dringt in mein Bewusstsein vor. Ich bin schlagartig wach und setze mich auf. Als hätte ich es einstudiert, weiß ich genau, was nun alles folgt, was zu tun ist, alles liegt bereit. Im nachhinein überrascht mich das, weil ich mich eher für etwas chaotisch halte.

Wie gesagt, alles liegt bereit. Radlerhose als Unterhose, kurze Laufhose drüber, langärmliges Laufshirt, dünne Laufjacke, Halstuch, Laufsocken – halt, zuerst die neuralgischen Punkte an den Füßen abkleben, also die Fersen und die kleinen Zehen und noch eine wunde Stelle links..soo, fertig. Kaffee, kleines Frühstück, auf’s Klo, Zähne putzen, Mechthild wecken.

Während sie sich ankleidet, checke ich meinen Rucksack, den ich am Abend zuvor schon gepackt habe, und die kleinen Taschen am Gürtel. Wirklich alles dabei? Handy, Kamera, Notizbuch, 2 Kugelschreiberminen, Taschenlampe…alles da…4 Flaschen Apfel-Holunderblüten-Schorle, klein geschnittene Mettwurst, Kokosmakronen von Aldi…alles da…Regen-Cape…bleibt zu hause, kein Regen angesagt. Alles klar! Mechthild, die Gute, ist bereit, ich bin’s auch. Schuhe an, Doppelschleife, Wanderstock, los geht’s!

Der lange Marsch

1:45, tiefe Dunkelheit. Wir fahren zur Altenhagener Straße bei Heepen, hier kreuzt sie den Wappenweg. Ich schaue auf’s Außenthermometer des Wagens. 14°, genial, denke ich bei mir. Es ist windstill und sternklar. Mechthild und ich sind uns einig, dass es nicht besser sein könnte.

Mit der Kreide markiere ich den Startpunkt, einen Stab, an dem das Wappenzeichen befestigt ist. MP 1:55 – viele Male werde ich in den kommenden Stunden mein Zeichen und die Uhrzeit hinterlassen. Auf dem Asphalt, an Bäumen und was sich sonst noch anbietet.

Mechthild und ich verabschieden uns, sie wünscht mir Glück und Durchhaltevermögen. Ich schaue ihr noch nach, als sie in’s Auto steigt und heimwärts fährt, den wohlverdienten Schlaf nachzuholen. Ich wende mich um und setze mich in Bewegung. Hinter mir, im Nordosten, ist nur ein Hauch von blassem Morgengrauen zu erahnen, vor mir herrscht noch tiefe Finsternis. Zum Glück kenne ich diesen Teil des Weges wie meine Westentasche.

Es ist spannend, bekannte Wege zum ersten mal im Dunkeln zu erwandern. Die optische Wahrnehmung ist diffus und reicht nur wenige Meter weit, Kurven und Wegkreuze erscheinen überraschend, schwarze Silhouetten entpuppen sich nur zurückhaltend als vertraute Hecken und Bäume, und Pfützen bemerkt man erst, wenn man den Fuß hinein gesetzt hat. In der ersten Stunde ändern sich die Lichtverhältnisse nur wenig, obwohl sich das Morgengrauen hinter mir ausbreitet. Die anderen Sinne sind desto aufmerksamer. Ich kann das Getreidefeld am Wegesrand riechen und die Brennnesseln, und registriere jedes Rascheln im Gras.

Während ich gehe, fühle ich ängstlich in mein linkes Schienbein hinein. Die Entzündung oder was immer das ist, machte sich ja gestern noch subtil bemerkbar, ehrlich gesagt. Im Moment allerdings….toi, toi, toi…fühlt es sich gut an!

2:30 – ich folge dem Waldweg zur Unterquerung der A2. Glühwürmchen! 6 oder 7 sind es, die beiderseits des Weges ihre Laternen entzündet haben. Ich bin etwas verblüfft, war ich doch bisher der Meinung, sie würden nur in den Abendstunden leuchten, und freue mich zugleich darüber, dass der Marsch so vielversprechend beginnt. Ich komme gut voran, mein Wanderstock schmiegt sich in meine Hand. Den Griff habe ich aus einem Oberschenkelknochen gefertigt, den ich vor Jahren im Schwarzwald auf einem Feld fand, vermutlich von einem Schwein stammend.

Ich lasse das Gut Eckendorf hinter mir und die alte Wassermühle, fein renoviert und bewohnt. Ganz still ist es hier. Ich stelle mir vor, dass die Bewohner meine Schritte hören, aufschrecken, an einen Einbrecher denken. Morgens um 3:00 kommt hier in der Einsamkeit nie ein Mensch vorbei, vermute ich. Doch kein Fenster erhellt sich, kein Hund schlägt an. Alles ist still. Vor mir liegen nun große Felder. Sie erlauben einen weiten Blick über Bielefeld hinweg mit seinen Lichtern bis zum Fernsehturm. Die Stadt schläft noch und ist doch hell erleuchtet.

Eine viertel Stunde später glimmt es nochmals auf, und zwar im Mundwinkel eines einsamen Radfahrers, der an seiner Zigarette zieht und mir inmitten der Pampa zwischen Brönninghausen und Ubbedissen bei den Windrädern entgegen kommt. „’n Morgen“, begrüße ich ihn etwas überrascht, „’n Morgen“ entgegnet er mir, bevor er wieder in die Nacht verschwindet.

Das Morgengrauen gewinnt mehr und mehr Macht, während die Sterne langsam verblassen. Um 3:30 erklingt der allererste einsame Gesang eines Vogels und mischt sich mit Musikfetzen, welche von einer in den letzten Zügen liegenden Party herüber wehen. Um 4:00 schließen sich zahlreiche Amseln an. Mittlerweile habe ich die Rollkrugsiedlung erreicht. Jenseits der Detmolder Straße steigt der Weg gemächlich an, vor mir liegen die Höhen des Teutoburger Waldes. Ich blicke noch einmal zurück und lasse meinen Blick nach Osten wandern, wo die Morgenröte mittlerweile, nur von wenigen Wolken und Dunstschleiern getrübt, den weiten Horizont hinter dem Lipperland erobert hat.

Schade, denke ich, den Sonnenaufgang werde ich wegen der nun vor mir liegenden Bergwälder nicht zu sehen bekommen. Egal. Ich wende mich wieder um und steige stetig bergan. Trampelnde Hufe im Dickicht, ganz nahe! Zwei Rehe, vor mir aufgeschreckt, vermute ich. Verblüffend, wie dunkel es zwischen den Bäumen noch ist! Aber der Weg ist nicht zu verfehlen, der über mir erhellende Himmel weist ihn mir. Immer gerade aus, an der Orchideenwiese vorbei. Hier blühen gerade zahlreiche Exemplare der Gattung Listera – nicht sehr spektakulär, aber immerhin. Ich habe sie während einer Wanderung zusammen mit Mechthild zwei Wochen zuvor entdeckt und nutze die Gelegenheit für ein Foto, nachdem ich mit einiger Mühe in der Dunkelheit eine der zarten Pflanzen aufgespürt habe.

Auf dem ersten Kamm öffnet sich der Wald, und vor mir liegt ein reizendes Panorama, ähnlich einer Parklandschaft. Es ist gekrönt vom angestrahlten Kirchturm von Oerlinghausen. Was für eine Energieverschwendung, denke ich. Wer schaut sich schon morgens um 4:30 Kirchtürme an!

Wenige Schritte weiter passiere ich das eindrucksvolle Gut Menkhausen mit seiner Sandstein-Fachwerk-Architektur und dem wunderschönen Garten. Alles ist still und schläft. An dieser Stelle – passend, bevor es hell wird – möchte ich noch ein paar Worte zum Thema ‚Wandern in der Dunkelheit’ verlieren. Viele Menschen, vor allem Frauen, denen ich von den Umständen meiner Wanderung erzähle, fragen, bevor ich überhaupt richtig begonnen habe, ob ich mich denn nachts alleine im Wald nicht fürchte. Frage ich dann, wovor ich mich denn fürchten solle, fällt die Antwort zumeist ausweichend aus, bis schließlich herauskommt, dass allgemein eine große Furcht vor Übergriffen durch Männer besteht. Ich bin der Meinung, dass diese Furcht nachts in einer Stadt wie Bielefeld weitaus begründeter ist als in der Einsamkeit zwischen Brönninghausen und Ubbedissen, wo wirklich, wie man so schön sagt, der Hund verfroren ist. Man(n und Frau) sollte sich dieses einmalige Erlebnis wirklich nicht entgehen lassen. Eine nächtliche Wanderung ist ja auch in Gruppen möglich.

Jenseits der Lämershagener Straße beginnt die ‚Wildnis’. Das wunderschöne Schopketal mäandert durch die steilen Hänge des Teutoburger Waldes, um sich plötzlich in die weiten Kieferwälder der Sennelandschaft zu öffnen. Über mir wird der Himmel immer heller, während die Bergflanken noch düster drücken. Die Nase registriert: Nadelwald, Heide. Der Waldweg ist weicher und scheint zu federn. Sand, Heidekraut, Blaubeeren, Spinnweben im Gesicht….

Der Bolzplatz des nahen Fichte-Heimes, auf dem ein einsames Kaninchen hockt und mich argwöhnisch beäugt, bevor es im Unterholz verschwindet, ist der am schlechtesten markierte Teil des Weges, finde ich. Ohne Ortskenntnis und vor allem bei schlechter Sicht oder auch schlechtem Sehvermögen ist man hier als Wahrsager klar im Vorteil und findet den weiteren Weg jenseits der Sandfläche.

Der Bielefelder Süden schließt sich an. Hier wechseln sich Kiefernwälder und sandige Felder ab, durchsetzt mit Siedlungen und z. T. dichter Bebauung. Dalbke, wo ich um 6:00 auf einer Bank sitzend die erste Pause mache und frühstücke, klein geschnittene Mettwurst mit Knoblauch und Fenchel, lecker! Ich pfeife auf auf den Synthetikscheiß aus der Dose, da pflege ich meine ausgeprägten Vorurteile, ich brauche weder Orthomol noch irgendwelche Power-Energy-Produkte. Darf ich so etwas als Apotheker überhaupt denken, frage ich mich grinsend. Ein Schluck aus der Flasche. Wasser-Apfelsaft-Holunderblüten-Schorle, selber gemischt, weiter geht’s.

Eckardtsheim, wo mir ungute Erinnerungen an meinen früheren Arbeitgeber, die von-Bodelschwingh’schen Anstalten, kommen. Outgesourced nach 20 Jahren Betriebszugehörigkeit – christliche Einrichtung, haha…! 8:00 – das Handy klingelt zum ersten mal. Als ich es aus der Tasche gepellt habe, ist bereits die Mailbox am labern. Mechthild hat versucht, mich zu erreichen, jetzt dreht sie eine Joggingrunde. 8:40 erreiche ich sie beim Frühstück. Sie ist ganz verdattert, als ich ihr erzähle, ich sei schon in Eckardtsheim.

Windflöte, eine Wohnbebauung ohne erkennbaren Flair. Der Bielefelder Süden ist weithin bekannt für seine zweckmäßige Anlage und architektonisch-städtebauliche Einfallslosigkeit. Nach dem Krieg aus dem Boden gestampft, inmitten ausgedehnter Heiden und Kiefernwälder, Wohnbock neben Wohnblock, allerliebst.

Nun bin ich schon seit 7 Stunden unterwegs, meine Stimmung ist genauso gut wie das Wetter, und ich hege keinen Zweifel, dass ich das Ziel erreichen werde. Mich stört es auch noch nicht, alleine unterwegs zu sein, weil ich meine Umwelt und mich selber ohne Ablenkung ganz bewusst und intensiv wahrnehmen kann. Ich sehe Blumen am Wegesrand, Rehe auf den Wiesen und Käfer im Gras. Ich fotografiere, wenn mich ein Motiv anlacht, ich singe gelegentlich im Takt meiner Schritte, immer begleitet vom tipptipp meines Wanderstockes.
11:00 – die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel, sie brennt aber nicht auf mich hernieder. Es mögen 20°C sein, ich habe ein unglaubliches Glück mit dem Wetter. Und mit allem anderen auch. Die ziemlich neuen Laufschuhe passen wie angegossen, und meine Schienbeinentzündung glänzt durch vornehme Zurückhaltung. Ich versuche weiterhin, wie von Sabine, der Heilpraktikerin,  empfohlen, halbstündlich 5 Kügelchen Arnika D6 zu schlucken. Manchmal sind’s auch 6, oder auch 4, wenn mir eines von der Handfläche kullert. Ich bin da nicht so pingelig. Der Vorgang selber wird mir zum Taktgeber. Was, schon wieder eine halbe Stunde um? Arnica einwerfen! Kann nicht schaden, und was für’s Schienbein gut ist, hilft auch den Füßen, den Knien und den Hüftgelenken. Denke ich mir.

Ummeln schließt sich an. Einsam ist es hier, eine weite ebene Parklandschaft auf magerem Boden, nacktem Sand fast. Immer wieder fällt mein Blick auf den nahen Teutoburger Wald und den Fernsehturm. Vom benachbarten Aussichtsturm aus schweift der Blick bei klarem Himmel weit über das halbe Münsterland, bis zum Sauerland und zum Paderborner Land.

Ich überquere den Reiherbach und die Lutter, 2 glasklare Bäche mit sandigem Grund, wunderschön und naturbelassen in die Wiesenlandschaft eingebettet. Ein Erdbeerfeld lasse ich hinter mir, bevölkert mit zahlreichen Pflückern, die anscheinend ausnahmslos mit ihren Autos hergekommen sind, denn alle Wege um das Feld herum sind zugeparkt. Warum bewegt man eine Tonne Stahl für ein Schälchen Erdbeeren, frage ich mich, haben die kein Fahrrad?

Bald darauf nähere ich mich der Justizvollzugsanstalt, der mit Abstand größten Wohnanlage an diesem Wegabschnitt, wenn auch nicht der beliebtesten, vor allem bei ihren Bewohnern. Hier treffe ich mich mit der Redakteurin und dem Fotografen von der Neuen Westfälischen.
Mein Sohn Stefan ist mir von Quelle kommend entgegen gewandert und stößt zu uns. Gemeinsam werden wir interviewt und in Wander- und Pausenpose fotografiert. Das Interesse der Presse erklärt sich sicherlich auch aus dem knapp gescheiterten Versuch des Vorjahres, den Wappenweg zu bewältigen. So bietet sich eine Fortsetzungsstory mit Höhepunkt an, allemal spannender als der Titel ‚Wappenweg schon wieder geknackt!’. Ich muss schmunzeln, als die Redakteurin mich besorgt fragt, ob ich das Westfalenblatt auch informiert habe! Habe ich nicht. Mein Gott, denke ich, wer liest schon 2 Zeitungen aus einer Stadt! Obwohl – wäre keine schlechte Idee gewesen…und Radio Bielefeld…und den WDR…

Spannend, so ein Interview. Viele kluge Fragen, und dann die Fotos. Der Linsenmann ist anspruchsvoll und er versteht sein Metier, lässt Stefan und mich mal gemeinsam, mal einzeln posieren. Wandernd, essend, lächeln, bitte…sehr schön…jetzt noch einmal 50 Meter zurück, wegen der Lichtreflektionen unter den Bäumen…super…!

Wie gesagt: sehr spannend. So sehr, dass ich gar nicht bemerke, dass das Intermezzo eine halbe Stunde dauert. Mist, denke ich anschließend, die hätten auch neben uns her gehen können. Egal, weiter. Ich ahne noch nicht, wie sehr mir diese halbe Stunde später fehlen wird.

Stefan ist guter Dinge und nicht zu bremsen. Meistens geht er vor mir, gelegentlich neben mir, nie hinter mir. Getränke hat er mitgebracht, und trocken-klebriges Zimtgebäck von Ikea, dem später noch eine nicht unerhebliche Bedeutung zukommen wird.

Der Weg wendet sich nordwärts wieder dem Teutoburger Wald zu, durch Quelle hindurch, am Campingplatz vorbei zur B 68. Auch hier, lieber Teutoburger-Wald-Verein, lässt die Beschilderung etwas zu wünschen übrig. Nun, ich bin ortskundig und finde den Übergang über die Bundesstraße auch ohne das Wappenzeichen. Und wir werden auch gefunden. Inken und Kay, Mila und Bennet stoßen zu uns. Die Kinder sind erst 9 und 6 Jahre alt und müssen zuvor etwas überredet werden, jetzt scheinen sie aber Spaß zu haben. Bennet überreicht mir eine Mohnblüte, die ich an meiner Jacke befestige, leuchtend rot, aber schon etwas erschlaffend. Sie wird im Laufe der folgenden Stunden stetig welken und damit ziemlich exakt meine körperliche Verfassung widerspiegeln, kommt mir später in den Sinn. Mila bespricht in der Schule gerade das Thema ‚Zeitung’, da kann sie am nächsten Tag live berichten!

Wir erklimmen nach und nach den Kamm des Teutoburger Waldes, durch hohe Buchenwälder,  über gewundene Wege, den Krümmungen des Berges folgend und stetig ansteigend, bis uns der Weg zu ‚Peter auf’m Berge’ führt, einer lokal bekannten Gaststätte neben der Passstraße.

Einige Gäste sitzen an den Tischen vor dem Lokal und blicken gelangweilt hinter uns her, keiner ahnt, dass sie gerade Zeuge eines historischen Momentes werden, der Erstbewältigung des Wappenweges, jawohl!

Auf dem nahen Parkplatz verlassen uns Inken und die Kinder, während Stefan, Kay und ich eine kleine Pause einlegen. Essen, trinken, weiter geht’s.

Windig und frisch ist es hier oben, und die Sonne hat auch etwas an Kraft verloren. Ich spüre mittlerweile die Kilometer in meinen Knochen, aber Stefan und Kay ziehen mich voran. Der Weg auf dem Kamm ist abwechslungsreich, er verläuft auf und ab durch Buchenwälder, aber auch über Hochheiden, sogar eine Wacholderheide öffnet sich zu unserer Linken. Hierher stammen sie also, die Wacholderbeeren, welche früher den berühmten Schnäpsen aus dem nahen Steinhagen ihr feines Aroma gaben.

An der Schwedenschanze öffnet sich der Wald zur Rechten und gibt den Blick auf das ferne Wiehengebirge frei, zu Füßen des Berges erblicken wir Kirchdornberg, ein sehr idyllisch gelegenes Dorf, beherrscht von St. Peter, der ältesten Kirche Bielefelds. Der Turm stammt aus dem 11. Jahrhundert. Der Ort ist unser nächstes Ziel. Weiter geht’s auf dem Kamm. Schließlich, als wir schon befürchten, die Abzweigung übersehen zu haben, wendet sich der Weg nach rechts in Richtung Osten. Zügig geht es hinunter in’s Dorf, für uns die Pforte in’s Ravensberger Land.

Es ist Sonntag Nachmittag, Kaffeezeit, die Straßen sind verwaist. Hartmut, mein Nachbar, schließt sich uns an, während Kay sich von uns verabschiedet. Inken und die Kinder holen ihn ab, als wir Kirchdornberg hinter uns lassen. Eine letzte Gelegenheit, ein paar Gruppenfotos zu schießen, und weiter geht’s!

Nachdem wir die Werther Straße überquert haben, nimmt uns die Schönheit des Ravensberger Landes gefangen. Obwohl ich diesen Teil des Weges schon kenne, ist es doch so, dass sich hinter jedem Wäldchen und nach jeder Kurve neue Ansichten und Eindrücke eröffnen – eine hügelige und vielfältige Kulturlandschaft. Hartmut ist von ihr besonders angetan, da er ganz in der Nähe aufgewachsen ist, sie aber noch nie aus dieser Perspektive gesehen hat. Die Vielfalt der Wahrnehmung und die Gesellschaft lenken mich von meiner zunehmenden Erschöpfung ab. 60 km liegen hinter mir, fast ein drittel des Weges liegt noch vor mir. Es mag mittlerweile 17:00 sein, ich weiß es nicht. Ich mache keine Notizen mehr, auch den Fotoapparat nehme ich kaum noch in die Hand. Erste Anzeichen von Lethargie bemächtigen sich meiner.

Irgendwo vor Jöllenbeck verabschiedet sich Hartmut von uns und lässt sich von seinem Sohn abholen. Stefan und ich sind nun wieder alleine. Ich muss ihn gelegentlich bremsen, da er sonst unentwegt vor mir her läuft. Ich brauche Ablenkung und Motivation, in mein Bewusstsein mogelt sich mehr und mehr das Wissen um die Länge des noch vor mir liegenden Weges. Erste Zweifel machen sich in mir breit…diese großen Umwege nördlich von Jöllenbeck vorbei an den Affhüpper Höfen, Lenzinghausen, schließlich auf den Planetenweg. Ich raffe mich noch einmal auf und stapfe hinter Stefan her.

Während der nächsten Kilometer geht zu allem Überfluss der Akku meines Handys zur Neige. Noch geht’s, ich traue mich aber nicht mehr, es ohne Not zu benutzen. An’s Aufgeben denke ich noch nicht, ich rede mir ein, bis Brake…bis Brake musst du es schaffen, dann schaffst du auch den Rest.  Scheiße, denke ich, so verdammt weit noch bis dahin. Geschätzte 15 km bis zum Ziel, eigentlich ein Klacks – außer, man hat schon über 70 km hinter sich gebracht. Meine Beine schmerzen von der Hüfte an abwärts, vor allem die Ballen fühlen sich an wie gewalkt. Kay hat ausgerechnet, dass ich auf 100.000 Schritte komme. Mal seh´n: Schrittlänge 90 cm, Tendenz abnehmend….also 1000 Schritte auf 900 Metern…multipliziert mit 100 macht 90 km…passt: 100.000 Schritte. Oder mehr! Meine Handflächen werden langsam wund vom Führen des Wanderstockes. Zum Glück: bisher keine Blasen, keine Rückenschmerzen, nichts, was den Erfolg meiner Unternehmung ernsthaft gefährden könnte, solange ich den Mut nicht verliere.

Früher Abend…Uhrzeit? Keine Ahnung, es muss schon nach 20:00 sein. Schleppe mich, von Jöllenbeck kommend, in Richtung Golfplatz Pödinghausen, Stefan wieder einmal 20 Meter vor mir. Nicht zu bremsen, soll er doch! Meine Motivation ist wie wie meine Reserven aufgezehrt. Und da steht er, obwohl doch angekündigt, eine Überraschung und Lichterscheinung: der Frauenchor am Straßenrand! Wie in dem Lied von Peter Fox! Und besingt den Wandersmann. Doris, Bine und Sabine haben es sich nicht nehmen lassen, uns im rechten Moment ihre Unterstützung zuteil werden zu lassen. Und wie gut sie diesen Moment erwischt haben! Ich bin kurz davor, aufzugeben, als sich Unwohlsein und Frieren zu den Schmerzen gesellen. Das ist der Moment, vor dem ich mich die ganze Zeit gefürchtet habe. Mir wird klar, dass ich in den letzten Stunden zu wenig gegessen und getrunken habe und mit leerem Tank laufe. Den Rucksack randvoll mit Kalorien, aber keine Zeit, sie zu mir zu nehmen. Wie überaus dämlich von mir! Ich sitze auf einer Bank und denke, das war’s, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Aber die drei – ich erlaube mir an dieser Stelle, sie Engel zu nennen – also, die drei Engel überzeugen mich davon, dass ich einfach nur meine Reserven ausgeschöpft habe und ich nur tüchtig zu essen brauche, und dann sei alles wieder gut!

Tage später werden sie mir gestehen, daß sie in diesem Moment doch sehr daran gezweifelt haben, daß ich bis zum Ziel durchhalten werde. Meine Erschöpfung ist wohl offensichtlich.
Und was macht die kluge Frau mit einem erschöpften Mann? Gut zureden und füttern –

Mineralwasser, Pfirsiche, Schokolade…..widerwillig stopfe ich in mich hinein, was geht. Und fülle meine Taschen mit klebrig-trockenem schwedischem Zimtgebäck von Ikea, auf dem ich in der folgenden halben Stunde herumkaue. Sabine massiert Waden und Oberschenkel. Wir sind uns darin einig, dass ich Socken und Schuhe besser anbehalte. Nach 75 km……!

Schließlich komme ich wieder auf die Beine, die ersten Schritte fallen unbeschreiblich schwer. Die drei Engel beschwören mich, dass ich es schaffen werde, bis sie schließlich den Funken der Hoffnung in mir wieder entfacht haben.
Kauend  und zaghaft setzt ich mich in Bewegung und versuche, möglichst wenig an meine glühenden Fußballen zu denken. Schließlich komme ich wieder in Tritt, kaum zu glauben! Der Golfplatz liegt bald hinter mir. Kurz bevor ich in den Hasenpatt einbiege, überholt mich ein vollbesetzter PKW, Doris winkt aus dem Fenster. Stefan fährt mit den Frauen nach Bielefeld zurück,  er hat mich fast 40 km weit begleitet.

Und schon taucht der Hasenpatt hinunter in die tiefen Sieke. Ich bin verblüfft und erschrocken, wie dunkel es dort schon ist! Klar, denke ich, die hohen Buchen, der bedeckte Himmel, die fortgeschrittene Stunde, das hat mir noch gefehlt…. Hier und jetzt fehlt sie mir, die halbe Stunde vom Interview. Bloß schnell raus hier, denke ich, und lege einen Zahn zu. Doch der Hasenpatt ist lang, das könnte knapp werden….

Ich befinde mich auf einem der schönsten Abschnitte des Wappenweges. Tiefe sich windende Sieke, von Erlenbrüchen und Buchenwäldern beschattet und Bächen durchflossen, vorbei an Fischteichen, und immer wieder auf die umliegenden bewirtschafteten Hochflächen aufsteigend. All diese Schönheiten kann ich im Moment nur begrenzt würdigen, die Zeit sitzt mir im Nacken, denn jedes mal, wenn ich in ein Siek abtauche, kommt es mir finsterer vor als das vorherige. Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig, als gelegentlich eine kleine Taschenlampe zu entzünden, um so die Zeichen an den Bäumen und die Abzweigungen besser zu erkennen.

Wie riesengroß ist meine Erleichterung, als ich einem Siek entsteige und durch die Bäume hindurch Wohnbebauung erkenne! Brake! Einen Moment lang sind alle Leiden vergessen. Nichts wird mich jetzt noch auf dem Weg zum Ziel aufhalten, ein Gefühl des Triumphes flackert kurz in mir auf.

Auf der dortigen  Bleichstraße begegnet mir eine freundliche Frau mit Hund. Wir grüßen uns und unterhalten uns über das Wandern, den Wappenweg und mein Projekt. Sie erinnert sich daran, dass sie im August letzten Jahres auch Zeugin des ersten Versuches, den Wappenweg zu knacken, wurde. Sie ist mächtig beeindruckt und wünscht mir viel Erfolg und gutes Gelingen, bevor wir uns verabschieden.

So, jetzt nur noch durch Brake hindurch, denke ich. Doch die Bebauung entpuppt sich als abgelegener Vorort, abermals taucht der Weg hinab in ein tiefes Siek. 2 km windet er sich durch die Finsternis, wie gut, dass ich die Taschenlampe mitgenommen habe! Jetzt durchhalten, Zähne zusammen, wenn es weh tut, und weitergehen. Ein rein psychologisches Problem, kein körperliches. Schritt für Schritt vorwärts, die Aufmerksamkeit ist auf den kaum zu erkennenden Weg gerichtet und nicht auf die schmerzenden Füße. In der Dunkelheit verliere ich das Gefühl für die Länge der zurück gelegten Strecke, dieses Siek scheint nicht enden zu wollen! Endlich wandelt sich die Aue in eine Parklandschaft, mehr und mehr durch Laternen erhellt. Mitten in Brake endet sie, und die Zivilisation hat mich wieder.

Ortszentrum Brake, am Bahnhof vorbei, in Richtung Grafenheider Straße. Hier kenne ich mich wieder aus. Mechthild und ich haben einige Zeit zuvor per Handy vereinbart, dass sie mir mit dem Fahrrad entgegen kommt. Jeden Moment rechne ich mit ihr. Ich überquere die Herforder Straße und folge dem Weg in Richtung Milser Mühle. Ein Autofahrer blendet mich mit seinem Fernlicht. Arschloch! Ich blende zurück, mit meiner Taschenlampe. Meine Schritte werden langsamer und kürzer, der Druck ist weg, weil ich mich hier zu gut auskenne! Von wandern kann jetzt keine Rede mehr sein, ich schleppe mich eher dem Ziel entgegen, von dem ich weiß, dass es noch vier Kilometer entfernt ist.

Drei Minuten später, auf der Mehlstraße, kommt mir ein einsames Licht entgegen. Ein Radfahrer! Eine Radfahrerin! Mechthild! Sie erkennt mich von weitem an der blinkenden Taschenlampe an meinem Wanderstock. Wir begrüßen uns freudig, aber ich bitte sie, sogleich mit mir weiter zu gehen, weil ich es endlich hinter mich bringen möchte und das Stillstehen als quählend empfinde.

Dreieinhalb Kilometer noch! Ich lege meinen Rucksack in das Fahrradkörbchen. Gilt trotzdem, sage ich mir, gewandert ist gewandert. Nun gäbe es tatsächlich die Möglichkeit, ein wenig abzukürzen, aber ich reiße mich zusammen, so groß die Verlockung auch ist. Am nächsten Tag würde ich es bereuen. Außerdem würde Mechthild es nicht zulassen! Also immer schön die Füße voreinander, ganz kurz sind meine Schritte mittlerweile. Die Ballen fühlen sich an wie gekocht, ich bin komplett ausgepowert, und an den Pobacken habe ich mir einen ‚Wolf gelaufen’. Ich fange ein wenig an zu jammern, aber immerhin kann ich mich noch freuen, als wir am Altenhagener Friedhof eine Nachtigall hören. Wir lauschen ihrem Gesang, während wir langsam weitergehen. Noch ein Kilometer liegt vor mir. Wie Kaugummi zieht sich das letzte Stück Weges.

Vor mir sehe ich das Ziel, die Altenhagener Straße. Wieder singt eine Nachtigall. Es ist geschafft. Ich befinde mich in einem Zustand völliger körperlicher und emotionaler Erschöpfung. Ich trinke nicht die verdiente Flasche Bier, ich vergesse, Mechthild zu bitten, ein Foto von mir zu machen, und ich führe kein Freudentänzchen auf. Stattdessen sinke ich auf die Bordsteinkante, während Mechthild das Auto holt. Zu Gefühlen wie Freude oder Stolz bin ich im Moment nicht fähig, ich will einfach nur nach hause, in mein Bett.

Der Schlaf ereilt mich schon während der kurzen Heimfahrt, ich erwache, als Mechthild den Wagen vor dem Garagentor zum Stehen bringt. Ich schaffe es irgendwie aus dem Auto und bewege mich unbeholfen wie eine Marionette. Die 30 Meter bis zur Haustür, treppauf in den 2. Stock, jeder Schritt ein kleines Martyrium, jede Stufe ein Kraftakt, schön am Treppengeländer festhalten, die verschwitzten Sachen vom Leib. Duschen? Vergiss es! Hinlegen, zudecken und den Schmerz genießen, Aaaah – und mich drehen. Und mich wenden. Beine anziehen und strecken. Und wieder anziehen. Egal, welche Lage ich einnehme, es tut weh. Schließlich gelingt es dem Schlaf doch noch, seinen gnädigen Schatten über mir auszubreiten. Was in meiner Wahrnehmung eine Ewigkeit dauert, sind in der Realität nur 5 Minuten, wie Mechthild mir später versichert.

Der Tag danach

Als ich erwache, lacht mir der helle Morgen in die verschlafenen Augen. Die Sonne scheint, wie schön! Als ich beschließe, aufzustehen, fällt mir ein, dass ich mich bewegen muss, um aus dem Bett zu gelangen. Vorsichtig tastet sich meine Wahrnehmung zu meinen Füßen hinunter und findet sie in dem Zustand vor, der zu erwarten war – schmerzend und dreckig. Abgeklebt mit schmuddeligen Pflastern, das linke Schienbein samt Knöchel geschwollen, die Ballen wie glühende Fremdkörper. Langsam richte ich mich auf und eiere aus dem Schlafzimmer, die Treppe hinunter, wieder beide Hände krampfhaft am Geländer. Ein erster Anflug von Stolz macht sich in mir breit. Als ich Mechthild auf der Terrasse antreffe, kann ich, glaube ich , schon wieder grinsen.

Resümee

Ein derartiger Gewaltmarsch führt einen Menschen an seine physischen und psychischen Grenzen, zumindest fühlt es sich so an. Andererseits ist es doch erstaunlich, was man zu leisten vermag, wenn man genügend motiviert ist. Motivation allein genügt jedoch nicht, auch gewisse körperliche Voraussetzungen sollten erfüllt sein. Damit meine ich eine gute Kondition und umfassende Gesundheit. Jeder, der sich regelmäßig sportlich betätigt oder sich viel bewegt und Lust darauf hat, kann eine derartige lange Strecke bewältigen.

Ungemein hilfreich ist es, wenn man während der Wanderung gelingt, kein Ziel vor Augen zu haben, sondern den Moment, die Gedanken, die Eindrücke wirken zu lassen. Je länger man das durchhält, desto später kommt der Moment, in dem Schmerz und Erschöpfung in den Vordergrund rücken und der vor einem liegende Weg zur drückenden Last wird.

Wenn einem dann noch Glück und Intuition zur Seite stehen, hat man schon ziemlich gute Karten.

Das Wetter hätte an diesem Tag nicht besser sein können. Nicht auszudenken, wie mir Dauerregen oder 30° im Schatten zugesetzt hätten. Auch die Entscheidung, um 2:00 zu starten, und das Datum zur Sommersonnenwende waren wichtige Voraussetzungen für meinen Erfolg. Nur so standen mir genügend helle Stunden zur Orientierung zur Verfügung.

Entscheidende Stützen des Gelingens waren die Menschen, die mich während des Marsches begleitet und unterstützt haben, sei es durch Ablenkung, Verpflegung, Gesang, Massage oder Aufmunterung. Mein riesengroßer Dank geht an Stefan, Inken, Mila, Kay, Bennet, Hartmut, Doris, Bine, Sabine und Mechthild. Mein weiterer Dank geht an Sabine und Uta für medizinischen Rat. Ganz besonderer Dank geht an die Menschen, die für das Kinderzentrum e. V. gespendet haben. Bisher gingen fantastische 722 Euro auf dessen Konto. Super!

Die abschließende Frage, was einem denn so eine Aktion bringt, lässt sich mit einem Satz beantworten:

Der Schmerz geht – der Stolz bleibt.

Martin Pierick

Die Löwenzahnorgel

Als Kinder waren wir waren wir fasziniert, wenn unsere Onkel oder unser Vater auf diversen Gegenständen, oft der Natur entnommen,  Töne – je lauter, desto besser – erzeugen konnten. Schnell hatten wir raus, wie man auf einem zwischen die Daumen geklemmten Grashalm blasen und einen Schrei erzeugen konnte, von dem wir sicher waren, daß er wie der Schrei eines Adlers klang. Wir lernten, auf dem Kamm und später auf dem Rechenschieber ein quäkiges Brummen ähnlich dem eines Kazoos zu erzeugen, mein Vater konnte in kürzester Zeit aus einem Weidenstock eine passable eintönige Flöte schnitzen. Die Spezialisten unter uns konnten – ich kann es heute noch – auf hohlen Halmen einen lauten, durchdringenden Ton erzeugen.

Am besten eignen sich dafür die Blütenstängel des Löwenzahns oder, weil sie einfach besser schmecken, Plastikstrohhalme. Man schneidet die Stängel/Halme in kurze Abschnitte von 3 bis 10 cm. Ein Ende eines Segments presst man mit den Fingernägeln, beim Löwenzahn genügt ein kurzer Druck mit den Lippen, so kräftig, daß es in der gepressten Form verbleibt. Daraufhin schiebt man das Segment etwa 1 cm tief zwischen die Lippen, ohne mit diesen heftig zu drücken, alles muß ganz locker sein.

Und dann bläßt man kräftig durch das Röhrchen, bis ein satter Ton erklingt. Dessen Höhe ist vor allem von der Länge des Röhrchens abhängig. Steckt man sich 3 unterschiedlich lange Löwenzahnpfeifen nebeneinander zwischen die Lippen, hat man eine Löwenzahnorgel, mit der man einen schönen oder zumindest lauten Dreiklang erzeugen kann. Die Dinger sind der Hit auf jedem Kindergeburtstag, und nichts macht doch mehr Spaß, als den Kindern anderer Leute beizubringen, wie man Krach machen kann.

Der Sommer kommt…

…und dazu passend ein kleines frivoles Gedicht:

 

Liebe am Strand 

Liebe am Strand
in heißem Sand
auf Borkum oder Norderney,
in Rimini oder Hawaii,
in Kuba oder Mexico:
wer unten liegt, hat Sand im Po.