Sein letzter Gag (6. Kapitel)

  1. Kapitel

 Rudi saß regungslos aufrecht im Bett und starrte mit offenem Mund am Fernseher und den Rotarmisten vorbei an die Wand. „ Herr Koralle? Herr Koralle, alles in Ordnung?“ Delphine stand besorgt auf und ging zu seinem Bett. Er schaute abwesend zu ihr, plötzlich blitzte ein Lächeln über sein Gesicht. Rudi deutete ihr mit erhobenem Zeigefinger vor den gespitzen Lippen an, sie möge sich still verhalten und zeigte anschließend auf die auf dem Teppichboden liegende Fernbedienung. Sie verstand, bückte sich und reichte sie ihm mit fragendem Gesichtsausdruck. Er dankte ihr mit einem stummen Nicken, tippte mit der freien Hand auf der Tastatur herum, bis auf dem Bildschirm Markus Jürgens erschien, der gerade mit blendendweißem Strahlen und einer schwungvollen Armbewegung die ‚Bone collectors’ einzelnd vorstellte, während sie Lounge-music der seichteren Art zum Besten gaben. Rudi reduzierte die Lautstärke und wandte sich wieder dem Anrufer zu. „Bitte, wer spricht da?“ Er brüllte in den Hörer, dass Delphine erschrocken zusammenzuckte. „Stein. Bern Stein“, brüllte dieser zurück. „Sie sind in der Show!“ „Waaas?“ „In der Shohow!“ „Welche Show? Ich…ich kann Sie so schlecht verstehen! Sprechen Sie doch lauter!“ Bernd Stein holte tief Luft. Ganz ruhig bleiben, dachte er, ganz ruhig. Er sprach mit kräftiger und überakzentuierter Stimme: „Herr Koralle, Sie sind im Fernsehen, in der der Show ‚Zauber des Alters’. Herzlichen Glückwunsch!“ „Ich bin in meinem Zimmer,“ antwortete Rudi. Bernd Stein rollte mit den Augen. „Ja, Sie sind in Ihrem Zimmer. Aber Sie sind auch in der Show! Idiot!“Letzteres fügte er leise hinzu, nicht ahnend, dass Rudi ein erstklassiges Hörgerät trug. Dieser grinste leise, wandte sich Delphine zu, die aufgrund des Gebrülls jedes Wort hatte verstehen können, und mit offenenem Mund Bauklötze staunte, und zwinkerte ihr schelmisch zu. „Und wer sind Sie? Bernd Stein? Kennichnich! Sind Sie in der Show? Ich bin in meinem Zimmer. Ich gucke gerade die Show und kann Sie gar nicht sehen! Sind Sie ein Betrüger? Ich rufe die Polizei. Polizei!“ In Rudis Augen blitzten Tränen, er konnte sein Lachen nur mit Mühe zurück halten. Delphine hatte sein Schauspiel mittlerweile durchschaut und genoss die Aufführung höchst amüsiert.

Bernd Stein wünschte sich nichts sehnlicher, als dieses Gespräch schnellstmöglich zu beenden. Er war Profi und hatte ein gutes Gespür dafür, wenn etwas glatt lief. Dieses Gespräch lief nicht glatt, etwas warnte ihn. Er bekam keine Gelegenheit, dieser Emgfindung nachzugehen, die Stimme von Markus Jürgens schreckte ihn auf. „Bernd Stein, wir rufen Bernd Stein! Bernd Stein, bitte kommen!“ Er schaute auf den Bildschirm und sah: die Zeit drängte. Das strahlende Lächeln seines Chefs konnte vielleicht das Publikum täuschen, jedoch nicht ihn. Markus Jürgens wurde ungeduldig, zweifelsohne! Lange würde er die Leute nicht mehr mit seinem launigen Geplänkel hinhalten können, es wurde Zeit, die Verbindung herzustellen. „Herr Koralle“, brüllte er in sein Handy, „Ich verbinde Sie nun mit Markus Jürgens, viel Vergnügen in der Show“, und über die Nebenleitung in’s Headset seines Chefs:“Verbindung steht. 3-2-1-jetzt!“ Er schaltete um und sank mit einem erleichterten Seufzer in die Stuhllehne.

Markus Jürgens holte tief Luft, die Kapelle spielte einen spannungsgeladenen Wirbel, das Licht in der Gruga-Halle wurde gedämpft, während Lichtkleckse über die Wände und über die Gesichter des Publikums huschten. Die Zeit schien für einen Moment still zu stehen. „Und nun“, hob Markus Jürgens an, „begrüßen wir…..“ Die Musik schwoll etwas an, die Lichter zuckten etwas hektischer, die Spannung stieg, das Publikum folgte gebannt jeder seiner Lippenbewegungen. “…unseren Star vergangener Tage, aus der Zeit, als das Fersehen laufen lernte, als die Straßen wie leergefegt waren, wenn er durch die Sendung führte. Wir begrüßen…..Rudi Koralle! Applaus für Rudi Koralle!“

Das Publikum tobte wie befohlen. Die jüngeren hatten noch nie von ihm gehört, die Senioren im Saal kannten ihn jedoch aus Kindertagen, und während auf der Großbildleinwand Szenen aus Rudi Koralles künstlerischem Schaffen aufflammten, Koralle im Gespäch mit Bewunderern, Koralle in seinem berühmten Tanzfilm, Koralle als glänzender Showstar, Koralle auf der Bühne und in seinem Sportcabrio, Koralle in Nizza und in Rom, kamen die Erinnerungen. Dass der noch lebt, wär hätte das gedacht! Und als würde Markus Jürgens die Gedanken seines Publikums erraten, was er natürlich tatsächlich auch tat, und was ja auch nicht wirklich schwierig war, rief er in das allgemeine Raunen und Staunen:“Ja,den gibt’s noch! Guten Abend, Herr Koralle! Herr Koralle, wie geht es Ihnen?“

Delphine klappte der Kiefer runter. Erst jetzt begriff sie die tatsächlichen Zusammenhänge. Hatte sie gerade noch gebannt auf den Bildschirm geschaut, wandte sich ihr Blick mit allergrößtem Erstaunen Rudi zu, wie er mit dem altertümlichen Hörer in der Hand aufrecht im Bett saß und von einem Ohr bis zum anderen Ohr grinste. „Och, mir geht’s ganz gut“, sprach er langsam mit hohler Stimme, die aus der Unterwelt des Hades empor zu dringen schien, das laute Sprechen fiel ihm doch etwas schwer, „wenn nur nicht immer diese Blähungen wären.“ Delphine presste sich das Sofakissen vor das Gesicht, um nicht losprusten zu müssen. Das gibt’s nicht, dachte sie, er verarscht die im Fernsehen. Und diese Stimme! Erst laut, dann wie aus der Gruft, mein Gott, was kommt da noch?

Markus Jürgens riss sie aus ihren Gedanken. „Jaja, wir sind alle nicht mehr die jüngsten, der eine mehr, der andere weniger, hahaha“, plapperte er, während das Publikum artig über seinen Kalauer lachte. „Herr Koralle, Sie wissen, warum wir Sie anrufen. Wir wollen Ihnen ein Geheimnis entreißen – das Geheimnis Ihres Lebens. Jeder von uns hat ein Geheimnis. Herr Koralle, verraten Sie uns ihr Geheimnis!“ Zum Publikum gewandt, fügte er hinzu: „Wird Rudi Koralle uns sein Geheimnis verraten, Was hält er vor uns geheim?“

Während die Musik und die Lichtshow im Saal die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Spannungsbogens übernahmen, versank Rudi in Schweigen. Hatte er ein Geheimnis? Nicht, dass er wüßte…keine Eskapaden, keine Drogen, keine fünf geschiedenen Ehen. Er hatte nie geheiratet, war äußerst erfolgreich und wohlhabend und hatte sich rechtzeitig zur Ruhe gesetzt und dem Rummel abgeschworen. Er dachte an sein Leben in ‚Himmelspforten’, er dachte an Elena und Delphine, an den blöden Gerrit, er dachte an Bläcky und Roy, er dachte an den Krieg…Schreie, Lärm und Gestank, Rückzug aus Ostpreussen, das brennende Königsberg…er schaute zu Delphine, die ihn unverwandt anschaute. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Sein Sprachmodus schaltete um auf allertiefste Gruft. „Mein Geheimnis…“, röchelte er. „…Sie wollen mein Geheimnis wissen…ich werde Ihnen mein Geheimnis verraten.“

(Fortsetzung folgt)

 

 

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